Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

nehmer  und  damit  fast  ein  Viertel  der  Gesamtbevölkerung.  Auch  bei  den  Tarifverhandlungen
  Ende  1959  zeigten  sich  die  Gewerkschaften  unnachgiebig  und
riefen  zu  Arbeitsniederlegungen  auf.  Der  DGB  und  seine  Industriegewerkschaften
  einschließlich  der  ÖTV  nutzten  die  Anpassungsprobleme  im  Kontext  der
wirtschaftlichen  Eingliederung  in  die  Bundesrepublik.  Sie  drängten  in  die  Rolle
einer  erfolgreichen  Lohnagentur,  aber  auch  in  die  des  Sozialpartners  und  Mitgestalters.
  Das  nun  auch  im  Saarland  geltende  fortschrittliche  Mitbestimmungsund
  Arbeitsrecht  bot  die  Chance,  um  endlich  die  Rolle  zu  spielen,  die  Gewerkschaften
  seit  der  Völkerbundszeit  im  Saarland  verwehrt  geblieben  war.  Die
Zurückdrängung  der  christlichen  Gewerkschaften  sollte  allerdings  bis  1966
dauern.  Auch  wenn  im  Betriebsrat  der  Neunkircher  Hütte  die  Christlichen  zulegen
  konnten,  so  gelang  es  der  IG  Metall  nahezu  den  gesamten  Nachwuchs  für
sich  zu  gewinnen.  Obwohl  die  christlichen  Gewerkschaften  im  Saarland  1956
noch  80.000  Mitglieder  zählten,  wurden  sie  mittelfristig  zu  einem  Auslaufmodell
und  verloren  Anfang  der  60er  Jahre  dramatisch  an  Mitgliedern,  so  dass  Ende
Juli  1966  91%  der  in  der  GCBE  verbliebenen  Mitglieder  zur  1GBE  übertraten,
damit  war  die  Einheitsgewerkschaft  endgültig  im  Saarland  angekommen.  Gefördert
  wurde  diese  Entwicklung  durch  gesellschaftliche  Veränderungen.  Der
kirchliche  Einfluss  ging  auch  im  Saarland  zurück,  die  früheren  Druckmechanismen
  der  katholischen  Geistlichkeit,  etwa  die  Mitgliedschaft  in  einer  freien
Gewerkschaft  mit  Verweigerung  der  Absolution  zu  bestrafen  oder  Ehefrauen
aufzufordern,  ihre  so  genannten  ehelichen  Pflichten  zu  verweigern,  griffen  nicht
mehr.  Auch  das  katholische  Vereinswesen,  das  ganz  wesentlich  zu  einem  kohärenten
  sozialen  Milieu  beigetragen  hatte,  wurde  immer  schwächer.  Vor  allem  aber
besetzte  der  DGB  mit  seinen  Industriegewerkschaften  eine  Rolle,  die  die  Saargewerkschaften
  bisher  nicht  spielen  konnten.  Die  fortschrittliche  bundesrepublikanische
  Mitbestimmungsregelung  wie  auch  ein  expandierendes  Arbeits-  und
Sozialrecht  erforderten  straff  organisierte  Gewerkschaften  mit  qualifiziertem
Personal,  aus  dessen  Reihen  auch  Arbeitsdirektoren  hervorgehen  konnten.  Der
DGB  war  allein  schon  organisatorisch  den  christlichen  Gewerkschaften  darin
weit  überlegen  und  die  im  Bergbau  einsetzende  Strukturkrise,  die  später  auch
die  Eisen-  und  Stahlindustrie  ergriff,  forderte  die  Gewerkschaften  und  bot  ihnen
die  Chance,  sich  gegenüber  ihren  Mitgliedern  zu  bewähren.1

Abtrennung  von  der  sozialpolitischen  Entwicklung  Deutschlands
Infolge  der  besonderen  politischen  Situation  des  Saarlandes  war  das  Saarland
von  der  sozialpolitischen  Entwicklung  der  Weimarer  Republik  und  der  Bundesrepublik
  bis  1957  abgekoppelt.  In  Deutschland  kam  es  zu  sozialpolitischen
Veränderungen,  die  die  Rolle  der  Gewerkschaften  maßgeblich  betrafen,  etwa  die
Verankerung  der  Koalitionsfreiheit  in  Art.  159  der  Weimarer  Verfassung.  Es
l7Ebd.,  S.  44,  126,  279.

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