Jahre waren es 30%. Motor dieser Sozialpolitik waren nicht die Gewerkschaften,
sondern die Parteien. Die französische Seite räumte der Regierung Hoffmann
sozialpolitisch erheblichen Gestaltungsspielraum ein, der Sozialversicherungsbeitrag
für die Arbeitgeberseite musste sich aber am innerfranzösischen Wert
orientieren. Das hohe soziale Leistungsniveau entwickelten CVP und SPS zu
einem identitätsstiftenden Element ihrer Politik, das - wenn auch erfolglos - im
Abstimmungskampf eingesetzt wurde.14
Alle Parteien, vor allem die schärfsten Kritiker der Hoffmann-Regierung, wie
bspw. Heinrich Schneider (DPS), setzten sich nach dem Referendum zum Ziel,
den sozialpolitischen Besitzstand des Saarlandes zu bewahren. Das hieß, höhere
Sozialleistungen vorerst zu behalten und bundesdeutsche Regeln nur dann zu
übernehmen, wenn sie günstiger waren. Diese von der Bonner Ministerialbürokratie
als "Rosinentheorie" bespöttelte Politik scheiterte vor allem am entschiedenen
Widerstand von Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard (CDU). Zu groß
war die Gefahr, dass saarländische Sonderregelungen weitere Begehrlichkeiten
von Zonenrandpolitikern und Berlin-Lobbyisten weckten.15
Die DGB-Strategen nutzten diese Lage, sich an der Saar zu etablieren, indem sie
sich als entschiedene Kämpfer für die sozialen Interessen der saarländischen
Arbeitnehmer profilierten. Galt es doch, die unbefriedigende gewerkschaftliche
Mobilisierung zu erhöhen und die Zerwürfnisse der Hoffmann-Zeit in den
Reihen der Einheitsgewerkschaft zu kitten. Zahlreiche Gewerkschafter des alten
IV Bergbau wollten sich in die neue IG Bergbau nicht eingliedern und fühlten
sich von den vor allem aus dem Ruhrgebiet kommenden geschulten DGB-Gewerkschaftern
bevormundet. Die Distanz der Saarländer zu ihnen zeigt sich
auch in dem für sie gewählten Begriff "Reichsdeutsche". Außerdem fürchtete der
DGB, im Saarland auf Dauer schwer Fuß zu fassen, erfreuten sich doch die
christlichen Gewerkschaften nach wie vor hoher wie stabiler Mitgliederzahlen.
Auf den Hütten in Völkingen, Dillingen und sogar in Neunkirchen war der
Christliche Metallarbeiterverband präsent, bei den Betriebsratswahlen errang er
1957 immerhin bis zu 30%. Zugleich sah die kleine Gruppe christlicher Gewerkschafter
in der Bundesrepublik auf das Saarland und erhoffte sich einen Auftrieb
christlicher Gewerkschaften in der gesamten Bundesrepublik.16
Im Kontext der Einführung der D-Mark am 6. Juli 1959 explodierten die Preise
an der Saar. Die Saarländer, die vorher geradezu euphorisch die bundesdeutsche
Währung erwartet hatten, empörten sich über Wucherpreise. Der DGB nutzte
diese Stimmung, um sich als erste Interessenvertretung der Arbeitnehmer zu
profilieren und rief drei Tage nach Einführung der D-Mark zum Generalstreik auf.
Damit traf er die öffentliche Stimmung, dem Streikaufruf folgten 250.000 Arbeit¬14
Ebd.
15 Ebd., S. 196ff.
16 Kotthoff u. Ochs (Anm. 4), S. 60, 91, 127.
307