Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

nach  der  gesetzlichen  Regelung  meist  weiter,  indem  sie  in  reine  Pensionskassen
umgewandelt  wurden,  zu  denen  Frauen  wiederum  in  der  Regel  keinen  Zutritt
erhielten.  Als  die  Reichsregierung  1889  ein  Invaliditäts-  und  Altersversicherungsgesetz
  erließ,  galt  der  darin  verankerte  Schutz  bei  Arbeitsunfähigkeit
wiederum  nur  für  Männer.  Ausgehend  von  der  meist  auf  wenige  Jahre  befristeten
Erwerbsphase  der  Frauen  sah  man  eine  solche  Art  der  Vorsorge  als  überflüssig
an.  Wenn  der  Ausschluss  der  Arbeiterinnen  auch  meist  nicht  expressis  verbis  in
den  Statuten  der  Kassen  verankert  war,  schufen  doch  hohe  Beitrittsgelder  und
Beitragszahlungen  sowie  die  Festlegung  eines  Mindestverdienstes  unüberwindliche
  Flürden  für  die  weiblichen  Beschäftigten.  Ein  weiterer  Nachteil,  der  mit
dem  Ausschluss  aus  den  betrieblichen  Kassen  verbunden  war,  bestand  darin,
dass  diese  vor  der  Entstehung  von  Betriebsräten  auch  als  Organ  der  Interessenvertretung
  galten.  Eine  grundsätzliche  Änderung  bezüglich  der  sozialen  Absicherung
  bahnte  sich  jedoch  erst  in  der  Völkerbundszeit  an.'17
Für  einen  nachrangigen,  an  ihrem  "Geschlechtscharakter"  orientierten  Stellenwert
der  Frauen  in  den  Betrieben  spricht  ein  weiteres  Detail,  das  sich  dem  Betrachter
weniger  durch  Abwägen  der  "harten  Fakten"  als  durch  aufmerksames  Beobachten
  erschließt:  Auf  Illustrationen,  aber  auch  in  schriftlichen  Darstellungen  werden
  weibliche  Beschäftigte  weniger  unter  dem  Aspekt  der  von  ihnen  geleisteten
Arbeit  gesehen,  vielmehr  dienen  sie  der  Ästhetisierung  von  Fabrikarbeit  oder
fungieren  gar  als  dekoratives  Beiwerk.  Zur  Veranschaulichung  mag  ein  Bericht
über  eine  Zigarettenfabrik  aus  den  20er  Jahren  gelten:  "Mädchen  stehen  und
ordnen  die  eifrige  Strömung  in  Hügel  und  Berge  duftender  Zigaretten.  Von  hier
gelangen  diese  im  Nebenraum  in  die  Hände  einer  Unmenge  von  Packerinnen,
die  sie  säuberlich  in  verschiedene  Schachteln  betten;  übrigens  ein  ganz  reizendes
  Bild,  die  vielen,  vielen  gesenkten  blonden  und  schwarzen  Köpfe  und
dazwischen  tanzende  Flecke  von  blauen,  roten  und  gelben  Schachteln."117 118
Zuletzt  noch  ein  Beispiel  aus  der  Schwerindustrie:  Die  Werkszeitung  der  Völklinger
  Hütte  würdigte  1961  die  Mithilfe  der  Frauen  inner-  und  außerhalb  des
Eisenwerks  mit  einer  mundartlichen  Hommage,  die  in  den  Worten  gipfelte:
"Ganz  abgesiehn  davon,  daß  so  e  Mäde  aach  das  erschde  Bild  von  da  Hidd  e
bißje  uffheidere  kann."119
Alles  in  allem  ist  während  des  ganzen  Untersuchungszeitraums  eine  geringere
Bewertung  der  weiblichen  Arbeitskraft  festzustellen,  die  sich  in  einer  niedrigeren
Bezahlung,  der  Vorenthaltung  von  Aufstiegschancen  und  der  Ausgrenzung
von  betrieblichen  Privilegien  und  Mitbestimmungsrechten  niederschlug.  Ande¬117

  Die  Haiberger  Hütte  bildete  allerdings  wie  auch  die  Dillinger  Hütte  eine  rühmlich
Ausnahme,  denn  dort  konnten  schon  vor  dem  Ersten  Weltkrieg  die  Arbeiterinnen  Mitglieder
der  Pensionskasse  werden,  wenn  auch  nicht  alle  davon  Gebrauch  machten.  Vgl.  Nimmesgem
(Anm.  16),  S.  16.
118  Handel  (Anm.  31),  S.  209.
119  Der  Völklinger  Hüttenmann  16  (1962),  S.  37.

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