Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

Im Saarland fiel die Lohndifferenz weiterhin besonders steil aus, in den letzten 
Jahren jedoch mit abnehmender Tendenz: Mussten sich Industriearbeiterinnen im 
Saarland 1961 mit 60,9% der Männerlöhne zufrieden geben gegenüber einem 
Bundesdurchschnitt von 65,9%, so betrug ihr Anteil 1987 immerhin 70,7% 
(Bund: 73,4%).103 
Die mit Abstand niedrigsten Löhne zahlten zu Anfang der 80er Jahre die Schuh, 
Textil sowie Papier und Pappe verarbeitende Industrie und Teile des Nahrungs¬ 
und Genussmittelgewerbes, Also überwiegend Bereiche, die vor allem Frauen 
beschäftigen und unter hohem Konkurrenzdruck stehen, etwa durch auslän¬ 
dische Anbieter. Insgesamt scheint es sich negativ auszuwirken, dass die Unter¬ 
nehmer im Saarland auf ein großes Potenzial weiblicher Arbeitskräfte zurück¬ 
greifen können, deren Arbeitsmöglichkeiten im Vergleich zu anderen Regionen 
immer noch beschränkt sind.104 
Die bis heute wirksame Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern lässt sich 
aber längst nicht mehr auf Defizite der Frauen im Bereich der schulischen oder 
beruflichen Qualifikation zurückführen, denn selbst bei gleichem Ausbildungs¬ 
stand ergeben sich bei den saarländischen Arbeitnehmerinnen im Jahresdurch¬ 
schnitt Minderverdienste zwischen 27,5% und 40%.105 
Bezüglich der Arbeitszeitregelung sahen die Verhältnisse in der Saarregion um 
die Jahrhundertwende hingegen etwas günstiger aus als im gesamten Deutschen 
Reich: Bereits vor dem Arbeiterschutzgesetz von 1891, das eine elfstündige 
Maximalarbeitszeit für Frauen vorsah, war hier eine zehn- bis elfstündige Arbeits¬ 
zeit üblich mit einer bzw. VA Stunde Pause um die Mittagszeit.106 Nach dem 
Ersten Weltkrieg wurde noch unter der französischen Militärverwaltung im 
Frühjahr 1919 auf den Hütten der Achtstundentag eingeführt, desgleichen auf 
den Gruben die 7!/2-stündige Schicht. Die Gesamtheit der saarländischen Be¬ 
schäftigten konnte sich aber erst seit dem 8. November 1924 am Achtstundentag 
und der 48-Stunden-Woche erfreuen.107 
Die Arbeitsordnungen der Firmen, die mitunter den Arbeitsalltag ihrer Beschäf¬ 
tigten bis ins kleinste Detail regelten, thematisieren nicht selten einen sensiblen 
Bereich der industriellen Frauenarbeit: das Zusammentreffen der Geschlechter in 
der Fabrik, die zur Zeit der Jahrhundertwende noch vielen Zeitgenossen als Hort 
der Sünde galt. Beispielsweise war den Belegschaftsmitgliedern der Tonwaren¬ 
fabrik von Friedrich Pabst "der unnötige Verkehr zwischen Arbeitern beiderlei 
103 Walter Röger, Frauenerwerbstätigkeit und Strukturwandel in der Bundesrepublik Deutsch¬ 
land. Tübingen 1991, S, 154. 
104 Arbeitskammer (Anm. 87), S. 56. 
105 Arbeitskammer des Saarlandes, Bericht an die Regierung des Saarlandes 2001 zur 
wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und kulturellen Lage der Arbeitnehmerinnen und 
Arbeitnehmer. Saarbrücken 2002, S. 16. 
106 Arbeitsordnungen (StadtAS St. Johann Nr. 990). 
107 Herrmann (Anm. 30), S. 69. 
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