viele Frauen beschäftigt, Mitte der 1950er Jahre in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie
zu 31%, der papierverarbeitenden Industrie zu 60%, in der
Bekleidungs- und Textilindustrie zu 70 und gar 80%. War die Textilindustrie
mit rund 700 Beschäftigten nur von ganz geringer Bedeutung, so verfügte die
Bekleidungsindustrie über ca. 60 Betriebe mit rund 4500 Beschäftigten.84 Als
Großbetrieb wäre hier die bereits erwähnte Firma Becker zu nennen, die 1954
unter dem Namen "Vereinigte Bekleidungswerke R.&A. Becker" in ihrer Saarbrücker
Fabrik 700 Personen beschäftigte.8"’ Im Rahmen der saarländischen
Wirtschaft spielte die Verbrauchsgüterindustrie jedoch nur eine untergeordnete
Rolle, ln ihr waren 6% aller Arbeitnehmer beschäftigt und sie brachte nicht
einmal 1/10 des Umsatzes der Gesamtproduktion auf.86
Die Ansiedlung neuer Fertigungsbetriebe und damit der Abbau des schwerindustriellen
Übergewichts wurde unter dem Eindruck der Kohle- und Stahlkrise
in den 1960er und 70er Jahren noch deutlich beschleunigt. Auch zahlreiche
Betriebe im Bereich der Elektrotechnik siedelten sich im Saarland an,87 88 beispielsweise
die AEG Telefunken, die 1960 eine Produktionsstätte in Eiweiler eröffnete,
um Geräte im Bereich der Funkelektronik herzustellen. 1978 waren dort
750 Personen beschäftigt, darunter mehr als zur Hälfte Frauen.ss
Wie schwierig sich die politischen Wechselfälle der saarländischen Geschichte
auf die Wirtschaft auswirkten, haben wir bereits gesehen. Auch der Anschluss
des Saarlandes an die Bundesrepublik bedeutete eine neuerliche Bewährungsprobe.
Stellvertretend für viele mittelständische Betriebe, die der bundesdeutschen
Konkurrenz nicht lange standhalten konnten, seien die Lolly-Werke
erwähnt. Sie waren im Völklinger Ortsteil Fenne aus einer Zuckerrüben- und
Marmeladenfabrik hervorgegangen und widmeten sich seit 1937 der Herstellung
von "Süßwaren und Genussmitte! aller Art." Das Unternehmen beschäftigte in
der Nachkriegszeit zeitweise über 500 (meist weibliche) Mitarbeiter und war im
damaligen EWG-Raum der drittgrößte Hersteller von Schokoladenwaren. Nach
dem wirtschaftlichen Anschluss an Deutschland im Jahr 1959 mussten neue
Absatzmärkte außerhalb des französischen Wirtschaftsraums erschlossen werden,
und dies unter starkem Konkurrenzdruck. 1970 wurde die Fabrik infolge zuneh¬84
Walter Schütz, Weitere wichtige Produktionszweige, in: Das Saarland, hrsg. vom Verlag
der Gerhard Stalling AG. Oldenburg 1954, S. 118-149 hier S. 118.
85 Tradition (Anm. 32), S. 30.
86 Schütz (Anm. 84), S. 118.
87 Zwar wies die weiterverarbeitende Industrie im Saarland gegenüber dem Bund überwiegend
niedrigere Frauenanteile auf, aber beispielsweise im Bereich der Elektrotechnik lag
1980 der Frauenanteil mit 40,5% deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 37,5%, da sich
in dieser Branche die in den 60er, 70er Jahren neu angesiedelten Betriebe das große
Reservoir weiblicher Arbeitskräfte an der Saar zunutze machten und ihre Produktion voll
darauf abstimmten. Vgl. Arbeitskammer des Saarlandes, Die Situation der Frauen am
saarländischen Arbeitsmarkt. Saarbrücken 1982, S. 30, 32.
88 Saarland [Manuskripte von Joachim Penner, Henning-Werner Schwarze, Peter Kratz,
Rose-Marie Borngäßer, Heinz Kloar]. Hannover 1978, S. 58
291