Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Darüber  hinaus  prägte  die  Schichtarbeit  mit  ihrem  alternierendem  Rhythmus
entscheidend  den  Alltag  der  Arbeiterfamilien.  Die  Frauen  hielten  ihren  Männern
jederzeit  eine  warme  Mahlzeit  bereit,  standen  im  Morgengrauen  auf,  um  ihnen  die
Schichtbrote  zu  schmieren.  Wurden  diese  nicht  aufgegessen,  so  erfreuten  sie  am
nächsten  Morgen  als  "Hasebrot"  die  Sprösslinge  der  Arbeiter.  1  Die  Kinder
wurden  andererseits  stets  angehalten,  auf  die  unregelmäßigen  Schlafzeiten  ihrer
Väter  Rücksicht  zu  nehmen.  Nach  der  Nachtschicht  bekamen  diese  meist  im
Laufe  des  Tages  nicht  genügend  Schlaf  und  waren  "grantig",  so  die  kollektive
Erinnerung  von  Arbeiterkindern.7"
Aber  auch  positive  Effekte  konnten  sich  aus  den  Wechselschichten  ergeben:
Mancher  Arbeiter  übernahm  in  der  Nachkriegszeit  die  eine  oder  andere  häusliche
Verpflichtung  und  bereitete  etwa  das  Mittagessen  zu,  wenn  seine  Frau  ebenfalls
erwerbstätig  war.  ln  den  letzten  10,  15  Jahren  lässt  sich  sogar  die  Beobachtung
machen,  dass  die  schichtarbeitenden  Männer  von  ihren  ebenfalls  berufstätigen
Frauen  bei  der  Kinderbetreuung  eingeplant  werden,  wodurch  sich  eventuell
anfallende  Kosten  einer  außerhäuslichen  Betreuung  deutlich  reduzieren  lassen.
Der  produktive  Bereich  der  Hausarbeit  nahm  in  der  zweiten  Hälfte  des
20.  Jahrhunderts  mit  dem  Rückgang  der  Nebenerwerbslandwirtschaft  stetig  ab.
Stattdessen  rückten  reproduktive  Tätigkeiten,  v.a.  die  Erziehung  der  Kinder  in
den  Vordergrund.  Hinzu  kamen  technische  Neuerungen  im  Haushalt,  welche
den  Frauen  allmählich  die  materielle  Hausarbeit  erleichterten,  wenn  damit  auch
die  Anforderungen  an  Sauberkeit  und  Ordnung  stiegen.  Die  gewachsenen
Konsumansprüche  taten  ihr  Übriges,  das  Interesse  an  einer  Erwerbsarbeit  auch
nach  der  Eheschließung  zu  fördern.  Die  Anschaffung  der  neuartigen  Geräte  und
Einrichtungsgegenstände,  die  als  Beweis  des  "Mithalten-Könnens"  ebenso
wichtig  für  die  soziale  Anerkennung  waren,  konnte  oft  nur  getätigt  werden,
wenn  die  Ehefrauen  "dazuverdienten".7'

Frauenarbeit  zwischen  Wandel  und  Tradition,  1950-2000
Wurden  die  Frauen  nach  Kriegsende  zunächst  wieder  an  ihren  angestammten
Platz  an  Heim  und  Herd  verwiesen,  ließ  sich  das  Rad  der  Geschichte  doch  aus
verschiedenen  Gründen  nicht  zurückdrehen.  Auch  die  saarländische  Regierung
verfolgte  das  Ziel,  die  erwerbstätigen  Frauen  aus  dem  Beruf  zu  drängen,  nicht
ganz  so  eindeutig,  wie  es  zahlreiche  programmatische  Aussagen  über  die  Rolle

71  Woher  dieser  Ausdruck  kommt,  ist  nicht  mehr  festzustellen,  er  hängt  aber  wohl  mit  den
Geschichten  zusammen,  die  die  Väter  ihren  Kindern  erzählten,  wenn  sie  das  übrig  gebliebene
  Schichtbrot  mitbrachten.  Vgl.  Gerhard  Bungert  u.  Charly  Lehnert,  Hauptsach  -  es
schmeckt.  Essen,  Trinken  und  Feiern  im  Saarland,  Saarbrücken  1987,  S.  18.
72  Befragt  wurden  im  Sommer  2002  fünf  Frauen  zwischen  27  und  35  Jahren,  deren  Väter
Hüttenarbeiter  bzw.  Bergleute  waren.  Sie  berichteten  über  ihre  Kindheitserinnerungen  sowie
ihre  aktuelle  Situation  als  Ehefrauen  von  schichtarbeitenden  Männern.
73  Kuhn  (Anm.  70),  S.  122.

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