Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

gegenstände,  wie  beispielsweise  Kleidung,  selbst  her,  bewirtschaftete  einen
Garten  und  betrieb  Kleinstlandwirtschaft,  was  vor  allem  im  mittleren  Einzugsgebiet
  des  Reviers  noch  möglich  war.65
Bei  V&B  in  Mettlach  war  der  Anteil  der  Hausbesitzer  mit  rund  80%  um  die
Jahrhundertwende  überaus  hoch.66  Hingegen  waren  im  industriell  überformten
Raum  Völklingen  "nur  1/3  der  Hüttenarbeiter  Besitzer  eines  Häuschens,  womit
meist  ein  kleiner  Garten  sowie  ein  Stall  verbunden  waren."67  Viele  Arbeiterfamilien
  besaßen  Geflügel,  ein  Schwein  oder  eine  Ziege,  und  manche  hielten
sogar  eine  Kuh.  Da  der  Erwerb  eines  Hauses  meist  von  jahrelanger  Schuldentilgung
  gefolgt  war  -  für  ein  Baudarlehen  von  Seiten  der  Hütte  brauchte  man
beispielsweise  27  Jahre  zur  Rückzahlung  -,  versuchte  man,  sich  mit  der  Vermietung
  von  Schlafstellen  einen  Nebenerwerb  zu  schaffen.68
Berechnungen  am  Beispiel  von  Bergarbeiterfamilien  haben  ergeben,  dass  der
Geldbedarf  nicht  ausschließlich  über  den  Lohn  des  Mannes  gedeckt  werden
konnte.  Die  Frauen  verschafften  sich  einen  Zuverdienst,  indem  sie  für  Fremde
nähten  oder  stundenweise  in  fremden  Haushalten  arbeiteten.  Sie  verkauften
Milch  oder  Flaschenbier  in  ihrer  Wohnung,  dazu  brauchte  man  keine  besonderen
  Geschäftsräume,  oder  sie  betrieben  einen  Kleinhandel  mit  Obst  und  Gemüse.
Außerdem  wuschen,  kochten  und  putzten  sie  für  ihre  Untermieter.  Bei  101
untersuchten  Bergarbeiterfamilien  brachten  die  Frauen  durch  ihre  Nebentätigkeiten
  in  mehr  als  2/3  der  Fälle  15-30%  des  Familieneinkommens  auf.64
Auch  die  "reine"  Hausarbeit  gestaltete  sich  weit  anstrengender  als  heute.  Zwar
waren  die  Reinlichkeitsstandards  viel  niedriger,  aber  es  standen  in  der  ersten
Hälfte  des  20.  Jahrhunderts  noch  kaum  technische  Hilfsmittel  zur  Verfügung.
Am  aufwändigsten  und  schwersten  war  das  Säubern  der  Wäsche,  das  in  der
Regel  einmal  die  Woche  nach  bestimmten  Ritualen  vonstatten  ging.  Gerade  die
Arbeitskleider  der  Männer  waren  oft  so  schmutzig,  dass  ihre  Reinigung  hohen
Körpereinsatz  erforderte.  "

65  Hilde  Hoherz,  "Krystallisationspunkt  allen  Glücks".  Frauenarbeit  in  der  Ära  Stumm,  in:
Industriekultur  an  der  Saar.  Leben  und  Arbeit  in  einer  Industrieregion  1840-1914,  hrsg.  von
Richard  van  Dülmen.  München  1989,  S.  193-205,  hier  S.  194.
66  81,1%  der  Arbeiter  der  Steingutfabrik  besaßen  im  Jahr  1899  ein  Eigenheim,  in  der
Mosaikfabrik  lag  der  Prozentsatz  sogar  bei  85,8%.  Die  Differenz  ist  leicht  zu  erklären,  denn
während  die  Arbeiter  der  Steingutfabrik  meist  aus  Mettlach  und  Keuchingen  stammten,
kamen  die  Arbeiter  der  Mosaikfabrik  aus  dem  weiter  entfernten,  agrarisch  strukturierten
Umland.  Vgl.  Peter  Brock,  Die  Firma  Villeroy  &  Boch.  Ihre  Entstehung  und  Entwicklung
bis  zur  Gegenwart.  o.O.  1914,  S.  181.
67  Gert  Arnes,  Leben  auf  der  Hütte.  Lebenskontexte  von  Hüttenarbeitern,  in:  Industriekultur
an  der  Saar  (Anm.  65),  S.  109-122,  hier  S.  119.
68  Ebd.
69  Hoherz  (Anm.  65),  S.  200.
70  Sehr  anschauliche  Berichte  über  die  "große  Wäsche"  mit  eingehenden  Beschreibungen,
wie  die  überaus  schmutzigen  Arbeitskleider  der  Männer  gereinigt  wurden,  finden  sich  bei:
Bärbel  Kuhn,  Haus  Frauen  Arbeit  1915-1965.  Erinnerungen  aus  fünfzig  Jahren  Haushaltsgeschichte.
  St.  Ingbert  1994,  S.  28  ff.

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