Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

haushaltungsschulen  einzuführen  wie  beispielsweise  1920  in  Bremen.60  Mit
einiger  Verspätung  zum  Deutschen  Reich  wurden  1931  von  der  Regierungskommission
  im  Saargebiet  Hausfrauenberufsschulen  eingerichtet,  eine  davon  in
Fraulautern.61  Da  dem  obligatorischen  Schulbesuch  von  Seiten  der  Eltern  und
Arbeitgeber  der  Mädchen  massiver  Widerstand  entgegengebracht  wurde,  vertilgte
  die  Regierungskommission  1933,  dass  der  Schulaufsichtsbehörde  das  Recht
zustehe,  "die  Hilfe  der  Polizei  in  Anspruch  zu  nehmen,  um  den  Schulbesuch
durchzusetzen."62
Bereits  als  unverheiratete,  noch  im  Familienverband  lebende  Arbeitertöchter
sollten  die  Mädchen  befähigt  sein,  ihren  Müttern  in  Haus  und  Garten  und  bei
der  Versorgung  der  Brüder  und  Väter  zur  Hand  zu  gehen  oder  durch  Näharbeiten
  zum  familiären  Einkommen  beizutragen.  Traten  sie  in  die  Ehe  ein,  so  waren
sie  in  Zukunft  dafür  zuständig,  die  Arbeitskleider  ihrer  Männer  sauber  und
instand  zu  halten,  das  Essen  zuzubereiten,  den  Haushalt  zu  führen  und  die
Kinder  zu  versorgen.  Noch  1961  schwärmte  Dr.  Ernst  Röchling  bei  einer  Belegschaftsfeier
  auf  der  Völklinger  Hütte:  "Der  Beruf  der  Frau  ist  großartig,  er  ist
herrlich,  aber  er  ist  still"  und  betonte  zum  wiederholten  Mal,  dass  "die  Frau
durch  ihre  Fürsorge  die  Voraussetzung  schafft,  dass  der  Mann  auf  der  Arbeit
seine  Pflicht  erfüllen  kann."6’  Bei  der  alljährlichen  Ehrung  der  Dienstjubilare
wurde  nie  versäumt  darauf  hinzuweisen,  dass  die  Hausfrauentätigkeit  für  die
Erhaltung  der  Arbeitsfähigkeit  und  Arbeitsfreude  der  Männer  unverzichtbar  sei.
Der  Alltag  der  Arbeiterfrauen  wurde  u.a.  bestimmt  durch  die  Zahl  der  Kinder,  den
Besitz  an  Haus  und  Boden  und  durch  die  Größe  des  Viehbestands.  Hatten
Arbeiterfamilien  im  Bereich  des  Unternehmens  V&B  im  19.  Jahrhundert  noch
sechs  bis  neun  Kinder,64  so  machte  sich  Anfang  des  20.  Jahrhunderts  -  wie  im
gesamten  Deutschen  Reich  -  auch  in  Mettlach  und  Umgebung  ein  Rückgang  der
ehelichen  Fruchtbarkeit  bemerkbar:  Um  1910  umfasste  ein  Arbeiterhaushalt  der
Mosaikfabrik  zwischen  drei  und  vier  Kindern.  Bis  zur  Jahrhundertmitte  lag  die
hauptsächliche  Tätigkeit  einer  Arbeiterfrau  aber  nicht  in  der  Erziehung  und
Aufzucht  der  Kinder.  Statt  dessen  war  sie  durch  produktive  Tätigkeiten  geprägt,
die  auch  dazu  dienten,  die  Haushaltskasse  zu  entlasten.  Sie  stellte  Gebrauchs¬60

  Vgl,  Wiltrud  Ulrike  Drechsel,  Ausbildung  für  zwei  Berufe.  Zur  Geschichte  der  hauswirtschaftlichen
  Pflichtfortbildungsschule  für  Mädchen  in  Bremen  1920-1933,  in:  Frauenmacht
in  der  Geschichte  (Anm.  24),  S.  100-112,  hier  S.  lOOf.
61  Hoherz  (Anm.  13),  S.  149f.
62  Ebd.,  S.  150.  Die  Eltern  lehnten  sich  gegen  den  Schulbesuch  ihrer  Töchter  auf,  da  dieser
zusätzliche  Kosten  nach  sich  zog  und  die  Mädchen  in  schlechten  Zeiten  gehindert  wurden,
Geld  zu  verdienen  oder  im  Elternhaus  auszuhelfen.  Die  Fabrikbesitzer  sahen  sich  gezwungen,
  die  schulpflichtigen  Arbeiterinnen  zu  entlassen,  da  diese  ihre  Arbeitszeit  nicht
einhalten  konnten  (S.  151).
63  Der  Völklinger  Hüttenmann  15  (1961),  S.  114.
64  Mitunter  musste  die  St.  Antonius-Bruderschaft  Unterstützungsleistungen  für  zehn-  oder  gar
zwölfköpfige  Familien  aufbringen,  Vgl.  Keramos  3  (1969),  S.  14.  Zur  Kinderzahl  der
Arbeiter  der  Mosaikfabrik  siehe  AVBM  127a  und  277A,

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