Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Rolle,  die  leider  unterschätzt  wird.  In  unserem  Interesse  liegt  es  offenbar,  daß  wir
diesem  wunden  Punkt  für  die  Folge  ein  größeres  Augenmerk  zuwenden."54
Die  Generaldirektion  ließ  Anfang  1889  in  ihren  Fabriken  eine  Bekanntmachung
aushängen,  dass  die  Arbeiterinnen  zukünftig  in  einem  einjährigen  Kursus
unentgeltlich  Stopfen,  Nähen  und  Schneidern  erlernen  konnten.55  Tauchten
reichsweit  in  den  Jahresberichten  der  Fabrikinspektoren  immer  wieder  Klagen
auf,  dass  die  Fabrikarbeiterinnen  an  den  Haushaltungskursen  nur  "höchst
widerwillig"  teilnähmen,  lässt  sich  der  woanders  festgestellte  "Drang  nach
Freiheit,  welcher  sie  von  der  Familie  forttreibt  und  keinen  Zwang,  keine  Regel
leiden  mag"56 58  bei  den  jungen  Frauen  in  Mettlach  nicht  feststellen.  Dort  hatten
sich  schon  wenige  Tage  nach  Bekanntgabe  der  neuen  Einrichtung  bereits  86
Fabrikarbeiterinnen  gemeldet.  Eine  Erklärung  mag  sein,  dass  sie  noch  sehr  jung
waren  und  im  Schwesternhaus  logierten.  Das  firmeneigene  "Mädchenasyl",  in
dem  die  auswärtigen  Arbeiterinnen  die  Woche  über  schlafen  mussten,  zeichnete
sich  durch  eine  drakonische  Hausordnung  aus.  Die  jungen  Frauen  waren  insofern
  einer  engmaschigen  Kontrolle  ausgesetzt,  die  sich  auch  in  ihren  Heimatgemeinden
  in  Person  ihrer  Eltern,  Verwandten  und  älteren  Kollegen  fortsetzte.
Bei  der  Firma  Röchling  wurde  1890  ebenfalls  eine  Nähschule  gegründet,  um
"bereits  die  Töchter  der  Arbeiter  zu  guten  Hausfrauen  heranzubilden",  die  1906
in  eine  Haushaltungs-  und  Kochschuie  ausgeweitet  wurde.  In  einjährigen
Kursen  erlernten  die  jungen  Mädchen  Stricken  und  Nähen,  das  Einmaleins  einer
billigen  Wirtschaftsführung  und  das  Wichtigste  zur  Bewältigung  einer  Nebenerwerbslandwirtschaft
  mitsamt  der  Betreuung  der  Nutztiere.5
1907  gab  es  in  der  Saarregion  neun  so  genannte  Industrieschulen,  die  von  den
staatlichen  Gruben  für  die  Töchter  der  Bergleute  gegründet  wurden,  sowie  acht
Haushaltungsschulen  der  privaten  Großunternehmen.  Hinzu  kamen  noch  kirchennahe
  Einrichtungen  in  Städten  und  Gemeinden.5X
Im  Ersten  Weltkrieg  wurden  landesweit  der  Versorgungsnot  gehorchend  besondere
  Kriegskurse  eingerichtet,  so  auch  bei  der  Völklinger  Hütte,  die  im  Laufe
des  Jahres  1915  von  353  Schülerinnen  besucht  wurden.  Die  Haushaltungskurse
  wurden  über  Jahrzehnte  weitergeführt,  1930  nahmen  beispielsweise  120
junge  Frauen  daran  teil.59  Die  hohe  Relevanz,  die  der  hauswirtschaftlichen
Schulung  unterbürgerlicher  Mädchen  beigemessen  wurde,  zeigt  sich  darin,  dass
es  in  den  Jahren  nach  dem  Ersten  Weltkrieg  sogar  Bestrebungen  gab,  Pflicht¬54
  Edmund  von  Boch  an  den  Direktor  der  Mettlacher  Mosaikfabrik  C.  Bingler  am  14.5.1889
(AVBM  Nr.  225).
55  Bekanntmachung  vom  7.2.1889  (AVMB  Nr.  225).
56  Amtliche  Mitteilungen  aus  den  Jahresberichten  der  mit  Beaufsichtigung  der  Fabriken
betrauten  Beamten.  Berlin  1887,  S.  59.
57  Bericht  der  Hochwald-Zeitung  von  1906,  abgedr.  in:  Der  Völklinger  Hüttenmann
19(1965),  S.  54ff.
58  Hoherz  (Anm.  13),  S.  150ff.
59  Nutzinger  (Anm.  4),  S.  44.

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