Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

aber  durchaus  von  Gleichberechtigung  die  Rede.  So  verurteilte  die  Saarbrücker
Zeitung  an  exponierter  Stelle  im  März  1946  den  "kalten,  reaktionären  Standpunkt"
  derjenigen,  welche  die  Frau  "aus  dem  Berufsleben  zu  verdrängen,  sie
von  der  Politik  fernzuhalten  beabsichtigen."51  ln  der  öffentlichen  Meinung
wurde  die  außerhäusliche  Erwerbstätigkeit  der  Frau  jedoch  nur  so  lange  toleriert,
"bis  die  offenen  Stellen  in  der  Wirtschaft  wieder  von  männlichen  Arbeitnehmern
beansprucht  wurden."52
In  der  Völklinger  Hütte  war  dieser  Zeitpunkt  1952/53  gekommen:  Als  die
Männer  nach  und  nach  aus  der  Kriegsgefangenschaft  zurückkehrten,  wurden  die
meisten  Frauen  im  Produktionsbereich  entlassen,  darunter  die  Kranfahrerinnen.
Zwar  erhielten  manche  von  ihnen  die  Möglichkeit,  als  Putzfrau  weiterbeschäftigt
zu  werden,  aber  um  den  Preis  wesentlich  geringerer  Bezahlung.  Weibliche
Lohnarbeit  stellte  in  den  Produktionsbetrieben  der  Völklinger  Hütte  in  der
Folgezeit  wieder  eine  Randerscheinung  dar.53

Der  Alltag  der  Arbeiterfrauen
Der  teilweise  erzwungene  Rückzug  der  Frauen  in  die  "stille  Reserve"  führt  uns
zum  zweiten  Teil  unserer  Betrachtungen,  den  Arbeiterfrauen,  die  oft  selbst  in
jungen  Jahren  in  der  Fabrik  gearbeitet  hatten.  In  der  Regel  gingen  sie  zwischen
dem  15.  und  25.  Lebensjahr  der  Fabrikarbeit  nach,  bevor  sie  heirateten  und  dem
eigenen  Haushalt  vorstanden.
Die  Grundlagen  für  eine  gezielte  Heranführung  junger  Mädchen  an  ihre  spätere
Lebensaufgabe  als  Hausfrau  und  Mutter  wurden  von  den  großen  Unternehmen
der  Saarregion  bereits  früh  gelegt,  etwa  durch  die  Einrichtung  von  Nähschulen.
Als  jedoch  in  den  1880er  Jahren  die  Diskussion  um  die  Lösung  der  "sozialen
Frage"  geführt  wurde  und  dabei  bei  konservativen  Soziaireformern  der  Gedanke
heranreifte,  die  Arbeiterfrau  könne  eine  zentrale  Rolle  bei  der  Aufhebung  der
Arbeitermisere  spielen,  nahm  das  erzieherische  Interesse  an  den  Arbeiterinnen
deutlich  zu.  Der  Direktor  der  Mettlacher  Steingutfabrik,  Edmund  von  Boch,
brachte  die  zeitgenössischen  Anschauungen  in  geradezu  paradigmatischer  Weise
auf  den  Punkt:  "Der  größte  Krebsschaden  der  Arbeiterverhältnisse  ist  auf  die
mangelhafte  Erziehung  zurückzuführen,  die  die  Mädchen  genießen.  Kaum  sind
sie  aus  der  Schule  entlassen,  gehen  sie  in  die  Fabrik  -  und  wenn  sie  nach  Jahren
heiraten,  verstehen  sie  von  der  Haushaltsführung  absolut  nichts.  Kein  Wunder,
daß  nachher  der  Mann  sich  unzufrieden  fühlt,  ins  Wirtshaus  geht  und  daß  das
Elend  in  die  Familie  einzieht.  Die  Frau  spielt  in  der  Familie  und  im  Staat  eine
51  SZ  vom  2.3.1946,  S.  I.
52  Annette  Molter-Klein,  "Die  Frau  und  ihre  Welt".  Das  Bild  der  Frau  auf  der  Frauenseite
der  Saarbrücker  Zeitung  von  1945  bis  1959.  Mag.  Arbeit.  Saarbrücken  1993,  S.  58.
53  1966  waren  312  der  insgesamt  12.889  Lohnempfänger  Frauen,  das  sind  2,4%.  Sie  arbeiteten
  meist  in  den  Nebenbetrieben  wie  der  Backsteinfabrik  oder  den  Drahtwerken  Luisenthal
oder  in  der  Hartmetallfertigung.  Vgl.  Der  Hüttenmann  bei  Röchling  21  (1967),  S.  10.

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