Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Eine  Jugendliche,  die  versucht  hatte,  sich  der  Arbeitspflicht  zu  entziehen,  wurde
zu  zwei  Monaten  Gefängnis  verurteilt.44
Um  verheirateten  Frauen  die  außerhäusliche  Erwerbsarbeit  finanziell  schmackhaft
zu  machen,  kam  die  Regierung  ihnen  -  wie  bereits  im  Ersten  Weltkrieg  -  bei  der
Anrechnung  ihres  Verdienstes  auf  die  Kriegsunterstützung  entgegen.45  1944
waren  allerdings  unter  472  Arbeitskräften  der  Mettlacher  Steingutfabrik  122  so
genannte  Ostarbeiter,  darunter  81  Frauen,  ln  der  Merziger  Fabrikationsstätte
verrichteten  sogar  194  Zwangsarbeiterinnen  Schwerstarbeit,  denn  die  Firmenleitung
  antwortete  dem  Arbeitsamt  auf  dessen  Anfrage  in  uns  heute  zynisch  anmutender
  Weise:  "Die  Arbeitsplätze,  die  deutschen  Frauen  zugemutet  werden
können,  sind  besetzt.  Die  weitere  Einweisung  von  deutschen  Frauen  ist  daher
nicht  möglich."46
Nach  1945  vollzog  sich  die  Entwicklung  der  Frauenarbeit  in  Deutschland  in
verschiedenen  Phasen:  Als  Folge  des  Krieges  waren  zunächst  noch  viele  Frauen
erwerbstätig.  Mit  der  Wiederaufnahme  'geordneter  Verhältnisse',  die  durch  die
Währungsreform  und  die  Gründung  der  Bundesrepublik  eingeleitet  wurden  und
von  der  allmählichen  Heimkehr  der  Männer  aus  der  Gefangenschaft  und  einem
Strom  von  Flüchtlingen  aus  den  ehemaligen  Ostgebieten  begleitet  waren,  ging
man  dazu  über,  Frauen  mit  teilweise  rigiden  Maßnahmen  aus  dem  Erwerbsleben
zu  drängen.  Dennoch  nahm  die  weibliche  Erwerbstätigkeit  nach  einem  kurzfristigen
  Rückgang  seit  den  50er  Jahren  zu.47
Auch  an  der  Saar  verblieben  die  Frauen  nach  Kriegsende  zunächst  auf  ihren
Stellen,  denn  es  bestand  wie  in  Deutschland  ein  eklatanter  Arbeitskräftemangel:
Ca.  23.000  Männer  waren  gefallen,  14,000  hatten  derart  schwere  Verletzungen
erlitten,  dass  sie  kaum  mehr  ins  Erwerbsleben  integriert  werden  konnten,  und
112.000  Saarländer  befanden  sich  in  Gefangenschaft.48  Außerdem  machte  sich
das  Fehlen  der  ausländischen  Kriegsgefangenen  und  Zwangsarbeiterinnen,  die
1944  in  ganz  Deutschland  29%  aller  Industriearbeiter49 50  -  in  den  Saarhütten
jedoch  42,8%  der  Belegschaftsmitglieder0  -  gestellt  hatten,  bemerkbar.
Dass  die  Frauen  zunächst  ihre  Arbeitsplätze  beibehielten,  wurde  in  der  saarländischen
  Gesellschaft  kontrovers  beurteilt.  In  den  ersten  Nachkriegsjahren  war
44  Keramos  Folge  3  (1943)  April.
45  Keramos  Folge  8  (1941)  August:  Auf  Anordnung  der  Reichsregierung  vom  30.  Juni  1941
wurde  der  Lohn  nur  noch  zu  einem  Drittel  auf  die  Familienunterstützung  angerechnet.
46  Betriebsprüfung  durch  das  Arbeitsamt  Saariautem  bezüglich  Arbeitseinsatz  1944  (AVMB
Nr.  132a).
47  Waren  1950  erst  7,2  Mio.  Frauen  erwerbstätig,  so  schwoll  ihre  Zahl  bis  zur  Mitte  der  60er
Jahre  auf  9,7  Mio.  an,  vgl.  Friederike  Maier,  Zwischen  Arbeitsmarkt  und  Familie  -  Frauenarbeit
  in  den  alten  Bundesländern,  in:  Frauen  in  Deutschland  1945-1992,  hrsg.  von  Gisela
ffelwig  u.  Hildegard  Maria  Nickel.  Berlin  1993,  S.  258.
48  Armin  Heinen,  Saarjahre.  Politik  und  Wirtschaft  im  Saarland  1945-1955.  Stuttgart  1996,
S.  127.
49  Frevert  (Anm.  14  ),  S.  246  und  249.
50  Plettenberg  (Anm.  37),  S.  46.

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