Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

lange  von  Bestand  waren  und  mit  den  dazu  gehörigen  Quellen  längst  untergegangen
  sind.
Die  folgenden  Ausführungen  stellen  einen  ersten  Versuch  dar,  die  vergessene
Geschichte  der  saarländischen  Arbeiterfrauen  in  den  beiden  Bereichen  Lohnund
  Hausarbeit  auszuleuchten.  Der  breit  gefasste  Untersuchungszeitraum  ermöglicht
  es,  Entwicklungslinien,  Zäsuren,  aber  auch  Konstanten  in  den  Blick
zu  nehmen.

Industrielle  Frauenarbeit  in  historischer  Perspektive
Zunächst  ist  zu  schauen,  in  welchen  Bereichen  Frauen  arbeiteten:  Im  Saarbergbau
  war  Frauenarbeit  seit  der  Übernahme  der  Gruben  durch  den  preußischen
Staat  weitgehend  verboten.2 3  Auf  den  Saarhütten  stellte  sie  zu  Anfang  des
20.  Jahrhunderts  ebenfalls  eine  singuläre  Erscheinung  dar.  Ein  Jahrzehnt  zuvor
war  das  allerdings  noch  anders.  Bis  heute  berühmt  sind  die  so  genannten
"Erzengel",  Frauen,  die  das  zur  Verhüttung  bestimmte  Eisenerz  auf  ihren  Köpfen
von  den  Erzkähnen  zu  bereitstehenden  Loren  trugen.’
Weniger  bekannt  ist  die  Tatsache,  dass  im  Völklinger  Eisenwerk  Frauen  auch  an
den  Hochöfen  arbeiteten,  wo  sie  zu  zweit  jeweils  einen  männlichen  Arbeiter
ersetzten.  1888  wurde  der  dritte  Hochofen  angeblasen  und  in  der  Folgezeit  nur
noch  von  Frauen  begichtet,  was  eine  der  mühevollsten  und  schwersten  Arbeiten
im  Hüttenbetrieb  darstellte.4 5  1901  wurden  in  der  Burbacher  und  Völklinger
Hütte  jedoch  elektrische  Krananlagen  und  Aufzüge  erbaut,  so  dass  sich  die
Arbeit  der  "Erzengel"  erübrigte  und  auf  einen  Schlag  alle  Frauen  entlassen
wurden.  Kurz  darauf  tauchen  wieder  vereinzelt  weibliche  Arbeitskräfte  in  den
Statistiken  der  Unterstützungskassen  auf,  wobei  jedoch  unklar  ist,  welche
Tätigkeiten  sie  ausgeübt  haben/
Im  ehemals  drittgrößten  Industriezweig  an  der  Saar,  den  längst  in  Vergessenheit
geratenen  Glashütten,  spielte  Frauenarbeit  hingegen  eine  größere  Rolle.  Den
Konzentrationsprozess,  der  schon  im  19.  Jahrhundert  einsetzte,  überlebten
jedoch  nur  einige  größere  Unternehmen.  Unter  ihnen  befand  sich  zunächst  noch
die  Fenner  Glashütte,  bei  der  um  die  Jahrhundertwende  annähernd  ein  Drittel  der
Belegschaft  aus  Arbeiterinnen  bestand.6  Auch  in  der  Tonwarenfabrikation  hatte

2  Karl-Heinz  Ruth,  Frauen  unter  Tage.  Vor  200  Jahren  keine  Seltenheit,  in:  Saarbrücker
Bergmannskalender  (1991),  S.  180,
3  Hubert  Kesternich,  langjähriger  Mitarbeiter  der  Völklinger  Hütte,  hat  sich  näher  mit  den
"Erzengeln"  beschäftigt  und  einige  interessante  Details  ihres  Arbeitsalltags  zutage  gefördert,
vgl.  SZ  (Völklinger  Ausgabe)  vom  3.1.1996.
4  Richard  Nutzinger,  Hans  Boehmer  u.  Otto  Johannsen,  50  Jahre  Röchling  Völklingen.  Die
Entwicklung  eines  rheinischen  Industrieunternehmens.  Saarbrücken/Völklingen  1931,  S.  171.
5  Jahresberichte  der  Handelskammer  für  1895ff.
6  Dies  geht  aus  den  Unterlagen  der  Betriebskasse  der  Fenner  Glashütte  hervor,  siehe  dazu
LAS  Landratsamt  Sbr.  Nr.  246.

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