Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

de  von  Arbeitern  auf  den  Stehplätzen  der  größten  Pariser  Radrennbahn,  dem
"Vélodrome  de  Buffalo","’’'  und  die  1903  ins  Leben  gerufene  Tour  de  France
wurde  schnell  zu  einem  populären  Spektakel.
Der  Wettkampfsport  erschien  den  Verantwortlichen  der  FSAS  indessen  nicht
prinzipiell  unvereinbar  mit  der  sozialistischen  Ideologie,  sofern  sich  das
Konkurrenz-  und  Leistungsprinzip,  das  in  den  Siegesprämien  seinen  Ausdruck
fand,  durch  ideologische  Überzeugungsarbeit  zurückdrängen  ließ  -  was  auf  den
problematischen  Versuch  hinauslief,  Wettkampfpraxis  und  Wettkampfgedanken
auseinander  zu  dividieren.
Dass  die  FSAS-Funktionäre  jahrelang  die  weniger  vom  Wettkampfaspekt  als
vielmehr  vom  Streben  nach  allgemeiner  Körperbildung  geprägte  Gymnastik  als
potentiell  geeignete  Form  der  physischen  Erziehung  nicht  in  Betracht  zogen,
legt  ein  weiteres  Zeugnis  der  erheblichen  Diskrepanz  zwischen  Anspruch  und
Praxis  der  französischen  Arbeitersportbewegung  ab.  Diese  Ausklammerung  war
wahrscheinlich  nicht  allein  politisch  motiviert.  Sie  ist  mit  dem  heftigen  Streit  in
Verbindung  zu  setzen,  den  die  französischen  Gymnasien,  die  einer  Ästhetik  der
festgelegten,  kollektiv  nachzuvollziehenden  Übungsformen  anhingen,  mit  den
Sportlern,  die  sich  der  freien  Entfaltung  physischer  und  mentaler  Eigenschaften
im  modernen,  aus  England  importierten  Wettkampfsport  verschrieben  hatten,  vor
dem  Ersten  Weltkrieg  austrugen.53 54  Die  Gründungsväter  der  FSAS  waren  offensichtlich
  nicht  nur  überzeugte  Sozialisten,  sondern  auch  begeisterte  Sportler,
denen  die  Gymnastik  als  eine  allzu  starre  Form  der  Körperkultur  erschien.55
Erst  1913,  im  Zusammenhang  mit  dem  1.  Internationalen  Arbeitersportkongress
von  Gent,  veränderten  die  FSAS-Funktionäre  aus  politischen  Motiven  ihre
Position.  Parallel  zum  Genter  Kongress  führte  der  belgische  Arbeitergymnastikverband
  sein  8.  Nationales  Fest  durch.  Zu  den  Delegierten,  die  dieser  Veranstaltung
  beiwohnten,  gehörte  auch  der  Vorsitzende  des  Propagandaausschusses  der
FSAS,  B.  Laine.  Er  zeigte  sich  beeindruckt  von  den  Massenvorführungen  der
belgischen  Gymnasien,  in  deren  kollektiver  Symbolik  er  ein  geeignetes  Propagandamittel
  im  Hinblick  auf  die  Mitgliederrekrutierung  erblickte.  Unterstützt  von
H.  Kleynhoff,  dem  Vorsitzenden  der  FSAS,  begann  er  nun  eine  intensive  Propaganda
  für  die  Errichtung  von  Gymnastiksektionen  in  den  Vereinen  der  FSAS.56
Um  diesen  Willen  auch  nach  außen  herauszustellen,  benannte  sich  die  FSAS  im
November  1913  in  Fédération  Socialiste  du  Sport  et  de  la  Gymnastique  (FSSG)
um.57

53  Holt  (Anm.  30),  S.  87.
54  Vgl.  Holt  (Anm.  30),  S.  32;  Roger  Chartier  u.  Georges  Vigarello,  Les  trajectoires  du
sport,  in:  Le  débat  19  (1982)  Februar,  S.  42.
55  Vgl.  die  Darstellung  der  Sportkonzeptionen  der  FSAS  durch  E.  Pépin  auf  dem  1.  Internationalen
  Arbeitersportkongress,  in:  Compte-Rendu  (Anm.  4),  S.  23-25.
56  L'Humanité,  3.  und  26.6.1913,  3.,  4.  und  14.7.1913.
57  L’Humanité,  17.  und  24.11.1913.

265
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.