bildung fand im Turnen seine Widerspiegelung, Fortsetzung und Vertiefung.
Durch die frühzeitige organisatorische Erfassung einer relativ hohen Zahl von
Arbeitern konnten später auch neuere Sportströmungen, die sich innerhalb der
Arbeiterjugend verbreiteten, zum Teil von den proletarischen Vereinen aufgefangen
werden.
Arbeitersport zwischen alternativen Ambitionen und politischem Pragmatismus
In keinem europäischen Land brachte die Arbeitersportbewegung vor dem Ersten
Weltkrieg körperkulturelle Inhalte hervor, die sich deutlich von den Angeboten
der bürgerlichen Turn- und Sportbewegung abgegrenzt hätten, auch wenn
Überlegungen zu möglichen innovativen Verknüpfungen von sozialistischem
Erziehungsideal und körperkultureller Praxis angestellt wurden. Dazu gab es in
den einzelnen Ländern verschiedene Ansichten, wie auch die Diskussionen des
1. Internationalen Arbeitersportkongresses 1913 in Gent deutlich machten.
Während sich der Belgier Daxbeck für kollektive Gymnastik aussprach, meinte
der Franzose Pépin in seinem Koreferat, dass Spiel und Sport am ehesten dem
freiheitlichen sozialistischen Gedankengut entsprechen würden. Der Kongress
verzichtete letztlich auf die Klärung der komplizierten sportpraktischen Frage,4
zu der sich kein Konsens hersteilen ließ.
Übereinstimmung zwischen deutschen und französischen Arbeitersportfunktionären
bestand jedoch darüber, dass die Praxis in der Arbeitersportbewegung, im
Gegensatz zu der des bürgerlichen Sports, nicht vom Prinzip des individuellen
Leistungs- und Rekordstrebens bestimmt sein, sondern zur physischen Vervollkommnung
und zu kollektiven, solidarischen Erfahrungen verhelfen sollte. In
gewissem Widerspruch zu diesen Auffassungen stand die Tatsache, dass die
FSAS die Bewegungsformen und Regeln des bürgerlichen Sports unmodifiziert
übernahm, selbst hochgradig individuelle Sportarten wie Crosslauf, Tennis und
Boxen anbot und fast überall einen Wettkampfbetrieb organisierte. Nur in der
"culture physique", einer rein gesundheitsorientierten Aktivität, die, dem gängigen
Rollenbild entsprechend, den Arbeiterfrauen zugewiesen wurde,4s gab es
keine Wettkämpfe.
Um die Konkurrenzfähigkeit des Verbandes nicht noch weiter zu reduzieren, sah
sich die FSAS-Leitung gezwungen, allzu rigide ideologische Positionen aufzugeben
und stattdessen auf das ausgeprägte Interesse der Arbeiter am sportlichen
Leistungsvergleich einzugehen. So ließ sich das ursprünglich prinzipielle
Verbot, Wettkämpfe mit bürgerlichen Sportvereinen auszutragen, nicht aufrecht
erhalten. Im März 1911 glaubte der Verbandsrat, einen Mittelweg gefunden zu
haben: Die Teilnahme an Sportfesten von Konkurrenzorganisationen sei zu
47 Compte-Rendu (Anm. 4), S. 20-23.
48 L'Humanité, 28.4.1910.
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