Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

chen  USFSA  bereits  geeignete  Möglichkeiten,  ihren  sportlichen  Neigungen
nachzugehen.  Nicht  zu  unterschätzen  ist  wahrscheinlich  auch  die  Konkurrenz
durch  die  -  bisher  kaum  untersuchten  -  Sportangebote  der  republikanischen
Jugendvereine,  der  "Petites  Amicales".  Diese  Vereine  waren  seit  1894  unter  dem
Einfluss  der  Ligue  de  l'Enseignement  entstanden.  Ihr  Zweck  war,  die  Jugendlichen
  auch  nach  Beendigung  der  Schule  erzieherisch  zu  erfassen  und  sie  weiter
an  das  republikanische  System  zu  binden.  Auch  diese  Bewegung,  die  kurz  vor
Ausbruch  des  Ersten  Weltkriegs  etwa  700.000  Jugendliche  erfasste,  richtete  sich
explizit  an  die  Arbeiterjugend.  Margadant  erwähnt  in  seiner  Studie  einige  Pariser
Jugendvereine,  in  denen  auch  Sport  getrieben  wurde,  darunter  einen  Verein,  der
im  proletarischen  12.  Pariser  Arrondissement  ansässig  war.43 44
ln  jedem  Fall  profitierten  nicht  die  Vereine  der  FSAS,  sondern  vielmehr  die
anderen  im  Bereich  des  Sports  operierenden  Verbände  vom  wachsenden  Interesse
  der  Arbeiter  am  Sport  und  von  deren  zunehmend  aktiverer  Beteiligung,  die
durch  die  gesetzliche  Einführung  des  arbeitsfreien  Sonntags  im  Juli  1906
erleichtert  wurde.44  Die  FSAS  blieb  eine  quantitativ  vollkommen  unbedeutende
und  regional  nahezu  auf  Paris  beschränkte  Organisation.
Auch  im  deutschen  Sport  wurden  -  vor  allem  im  Fußball  -  die  Klassengrenzen
noch  vor  dem  Ersten  Weltkrieg  langsam  durchlässiger,  auch  wenn,  wie  Eisenberg
  festgestellt  hat,  der  Fußball  im  Kaiserreich  im  Wesentlichen  eine  Angelegenheit
  bürgerlicher  Mittelschichten  war.45  Bezeichnenderweise  war  es  die  Sorge
vor  dem  weiteren  Verlust  von  Mitgliedern  an  bürgerliche  Verbände,  die  den
Arbeiter-Turnerbund  veranlasste,  Sportarten  wie  Fußball  und  Leichtathletik  in
das  Programm  aufzunehmen  und  zu  fördern.46  Trotz  der  neuen  Konkurrenz
gelang  es  dem  ATB,  eine  relativ  hohe  Zahl  von  Sport  treibenden  Arbeitern  an
sich  zu  binden,  indem  er  den  Sportströmungen  innerhalb  der  eigenen,  bereits
zahlenkräftigen  Mitgliedschaft  zögernd  Rechnung  trug.
Nach  Betrachtung  der  Konstellationen  im  organisierten  Sport  beider  Länder
kann  der  im  Vergleich  zu  den  französischen  Gegebenheiten  riesige  Erfolg  der
deutschen  Arbeitersportbewegung  folgendermaßen  aufgeschlüsselt  werden:  Die
nicht  nur  politische,  sondern  auch  kulturelle  Bindung  eines  großen  Teils  der
Arbeiterschaft  an  die  SPD  und  die  Ausgrenzung  der  sozialdemokratischen
Mitglieder  durch  die  Deutsche  Turnerschaft  trafen  als  wirkungskräftige  Faktoren
zusammen,  der  Zusammenhang  zwischen  politischer  Ausgrenzung  und  Milieu¬43

  Vgl.  Ted  W.  Margadant,  Primary  Schools  and  Youth  Groups  in  Pre-War  Paris:  Les  "Petites
A's",  in:  Journal  of  Contemporary  History  (1978),  S.  323-336.
44  Die  bürgerliche  USFSA  und  die  katholische  FGSPF  verzeichneten  zwischen  1908  und  1914
einen  bedeutenden  Mitgliederzuwachs.  Vgl.  Jacques  Dubreuil,  La  naissance  du  sport
catholique,  in:  Aimez-vous  les  stades  (wie  Anm.  42),  S.  236;  Holt  (Anm.  30),  S.  196.
45  Christiane  Eisenberg,  Vom  'Arbeiter'-  zum  'Angestelltenfußball'?,  in:  Sozial-  und  Zeitgeschichte
  des  Sports  4  (1990)  3,  S.  22.
46  Vgl.  Gerhard  Hauk,  Fußball  -  eine  "proletarische  Sportart"  im  Arbeiter-Tum-  und  Sportbund?,
  in:  Illustrierte  Geschichte  des  Arbeitersports  (wie  Anm.  5),  S.  162.

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