Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Verbindungen  nach  Belgien,  nicht  nach  Paris.  Ihre  Existenz  nahmen  die  Führungskräfte
  der  FSAS  erst  auf  dem  1.  Internationalen  Arbeitersportkongress
1913  in  Gent  zur  Kenntnis.'1
Dass  in  Frankreich  keine  Initiativen  zur  Gründung  eines  Arbeiter-Gymnastikbundes
  unternommen  wurden,  hängt  in  hohem  Maße  mit  der  republikanischen
Ausrichtung  der  USGF  und  der  weitgehenden  Identifikation  der  Sozialisten  mit
der  Republik  zusammen.  Die  1873  gegründete  USGF,  ähnlich  wie  die  Deutsche
Turnerschaft  eine  klassenübergreifende  Organisation,  in  der  vor  allem  Angehörige
  der  Mittelschichten  und  Arbeiter  vertreten  waren,’2  bildete  eine  der  tragenden
Säulen  der  republikanischen  Bewegung.  Sie  wandte  sich  gegen  die  Kräfte  der
Reaktion,  vor  allem  gegen  die  katholische  Bewegung,  und  trat  nach  der
Boulanger-Krise,  in  die  sie  mit  einigen  ihrer  Führungskräfte  verwickelt  war,  für
die  Konsolidierung  des  demokratischen  Systems  ein.31 33  Den  Sozialisten  konnte
die  USGF  aufgrund  ihrer  politischen  Stellung  kaum  als  eine  Organisation
erscheinen,  die  es  nach  Kräften  zu  bekämpfen  galt.
Mit  der  Konstituierung  der  FSAS  antworteten  die  sozialistischen  Gründungsinitiatoren
  in  erster  finie  auf  die  immer  mehr  an  Bedeutung  gewinnende  katholische
  Gymnastik-  und  Sportbewegung,  die  sich  im  Rahmen  der  Auseinandersetzungen
  zwischen  Staat  und  Religion  gebildet  hatte.  Die  einzelnen  Etappen  und
der  Ausgang  des  von  den  Ministerpräsidenten  Waldeck-Rousseau  (1899-1902)
und  Combes  (1902-1905)  auf  republikanischer  Seite  geführten  "französischen
Kulturkampfes",  der  1905  in  die  Trennung  von  Kirche  und  Staat  mündete,
hatten  den  Einfluss  der  katholischen  Kirche,  insbesondere  im  Erziehungswesen,
erheblich  reduziert.  Auch  wenn  die  offenen  Konflikte  zwischen  Kirche  und  Staat
ab  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  1906  deutlich  abnahmen,34  setzte  die  Kirche
ihren  Kampf  um  die  Religiosität  der  französischen  Bevölkerung  und  gegen  das
republikanische  System  auf  mehreren  Ebenen  fort,  unter  anderem  vermittels  des
Sports.  1898  hatten  die  Katholiken  den  Grundstein  einer  klerikalen  Sportorganisation
  gelegt  und  1903  erfolgte  die  Gründung  der  Fédération  Sportive  et
Gymnique  des  Patronnages  de  France  (FGSPF).
Unter  der  Devise  "für  Gott  und  das  Vaterland"  warb  die  FGSPF  um  die  Jugend
und,  vor  dem  Hintergrund  eines  ausgeprägten  Antisozialismus,  vor  allem  auch
um  die  Arbeiterjugend.  In  ihrem  Angebot  legte  sie  das  Schwergewicht  auf  den
"modernen  Sport",  besonders  den  Fußball.35  Während  der  1889  unter  der  Ägide
von  Pierre  de  Coubertin  und  Georges  de  Saint-Clair  gegründete  bürgerliche
Sportverband,  die  Union  des  sociétés  françaises  des  sports  athlétiques  (USFSA),

31  Vgl.  Compte-Rendu  (Amn.  4),  S.  23-25;  L'Humanité,  3.  und  26.6.,  3.,4.  und  14,7.1913.
32  Holt  (Anm.  30),  S.  50,  182.
33  Vgl.  Arnaud  (Anm.  9).
34  Rébérioux  (Anm.  8),  S.  87.
35  Vgl.  zu  den  Zielen  der  katholischen  Sportbewegung  Arnaud  (Anm.  9),  S.  38;
Holt  (Anm.  30),  S.  197ff.

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