Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

1870er und 1880er Jahren sammelten sich proletarische Turner verstärkt in 
eigenen Vereinen, die aber zunächst weiterhin der DT angehörten. In der Zeit der 
Sozialistengesetze (1878-1890) - und auch noch danach - beteiligte sich die 
Deutsche Turnerschaft am Kampf gegen die "gemeingefährlichen Bestrebungen 
der Sozialdemokratie" und schloss zahlreiche Turner aus, bei denen sich Verbin¬ 
dungen zur SPD nachweisen oder auch nur vermuten ließen.2 Die Gründung 
eines eigenständigen Arbeiter-Turnerbundes wurde damit praktisch zwingend 
notwendig. 
Die Aussage von Ueberhorst, die "unmittelbare Erfahrung sozialer Konflikte"2x 
habe den Anstoß zur Gründung des ATB gegeben, ist allerdings zum Teil 
irreführend. Schließlich lag keine sozialexklusive, die Arbeiterschaft als solche 
ausgrenzende Haltung der DT vor. In nationalen Kategorien denkende Arbeiter 
entsprachen dem Geschmack der DT-Funktionäre, Sozialdemokraten (ob Arbei¬ 
ter, Ärzte oder Lehrer) erzeugten bei ihnen Aversionen. Der Konflikt spielte sich 
damit nicht primär zwischen Arbeitern und Bürgertum ab, sondern hatte in erster 
Linie politische Hintergründe. Aufgrund des großen Einflusses der SPD unter 
den Arbeitern erhielten die politisch motivierten Ausschlüsse zwar durchaus 
Züge der sozialen Ausgrenzung, jedoch turnten viele politisch nicht engagierte 
Arbeiter weiter in der DT und ließen sich nicht für die Mitgliedschaft im ATB 
gewinnen. 
In Frankreich bestand weder in politischer noch in sozialer Hinsicht ein ver¬ 
gleichbarer Bedarf an einer eigenständigen proletarischen Turn- beziehungsweise 
Gymnastikorganisation.27 29 30 Die Gymnastik, bis zum Ersten Weltkrieg die unter der 
französischen Bevölkerung und auch unter der Arbeiterschaft am meisten ver¬ 
breitete körperkulturelle Praxis,1" entwickelte sich, von der sozialistischen 
Bewegung unangetastet, im organisatorischen Rahmen der Union des sociétés 
de gymnastique de France (USGF). Der Arbeitersportverband hatte die Gymna¬ 
stik zunächst nicht im Programm, sondern widmete sich ausschließlich dem 
"modernen Sport", wie auch sein Name signalisierte: Fédération sportive et 
athlétique socialiste. Zwar existierten in den an Belgien angrenzenden Gebieten 
Nordfrankreichs einige Arbeiter-Gymnastikvereine; diese hatten jedoch nur 
stehung und Entwicklung des Arbeiter-Tumerbundes bis 1914, in: Illustrierte Geschichte des 
Arbeitersports (wie Anm. 5), S. 19. 
27 Zur politischen Haltung der DT vgl. Hans Georg John, Politik und Turnen. Die Deutsche 
Tumerschaft als nationale Bewegung im deutschen Kaiserreich von 1871-1914. Ahrensburg 
1976. 
28 Horst Ueberhorst, Frisch, frei, stark und treu. Die Arbeitersportbewegung in Deutschland 
1893-1933. Düsseldorf 1973, S. 21. 
29 Der von Jahn geprägte und im deutsch-nationalen Sinne ideologisch besetzte Begriff 
"Turnen" lässt sich genau genommen nur auf Deutschland anwenden. Im französischen 
Kontext empfiehlt es sich, den Begriff "gymnastique" zu benutzen. Die Praxisformen der 
Gymnastik ähnelten denen des Turnens in Deutschland. 
30 Vgl. Richard Holt, Sport and Society in Modem France. London/Basingstoke 1981, S. 50- 
55, 182; Amaud (Anm. 9), S. 39. 
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