Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

SPD” keine entsprechenden Rückwirkungen auf die politische Machtverteilung 
hatten. Dass die deutsche Arbeiterbewegung, nicht zuletzt durch ihre zahlreichen 
Kulturorganisationen, mächtige quantitative Erfolge im Sinne von hohen Mit¬ 
gliederzahlen verbuchen konnte, hing eng mit ihrer politischen Ohnmacht 
zusammen. 
Unter anderem aufgrund der in Frankreich gegebenen Möglichkeit, per Stimm¬ 
zettel die Interessen der Arbeiterbewegung auf erfolgversprechende Weise zu 
unterstützen, blieb die SFIO mehr eine Wähler- als eine Mitgliederpartei. Und 
während in Deutschland ein relativ abgeschottetes sozialdemokratisches Milieu 
als Gegenpol zur bürgerlichen Gesellschaft entstand, ergab sich in Frankreich 
eher ein Gegensatz zwischen einem republikanisch/sozialistischen und einem 
katholischen Milieu.2' 
Geht man von einer "relativen Autonomie des Sports"22 24 als gesellschaftlichem 
Teilbereich und damit von der Möglichkeit spezifischer Entwicklungen in 
diesem Sektor aus, wäre es allerdings eine unzulässige Vereinfachung, die Stärke 
der Arbeitersportbewegung linear auf den Grad der Milieubildung zurückzufüh¬ 
ren, zumal die deutsche Arbeitersportbewegung erheblich zur sozialdemokrati¬ 
schen Milieubildung beigetragen hat, also eine Wechselwirkung bestand. Auf 
das Feld des Sports bezogen, war die entscheidende Frage, ob die Bedürfnisse 
und Ideale, die kulturellen und politischen Vorstellungen der am Sport inter¬ 
essierten Arbeiter außerhalb oder innerhalb der Arbeiter(sport)bewegung ihre 
Realisierung finden konnten. Neben den Soziokulturen und den politischen 
Bewusstseinslagen2'' der Arbeiterschaft muss somit die soziale Integrationsfahig- 
keit der bürgerlichen Tum- und Sportverbände - die schließlich vor den ent¬ 
sprechenden proletarischen Verbänden existierten - als Erklärungsfaktor mit ins 
Blickfeld genommen werden. 
Die 1868 offiziell gegründete Deutsche Turnerschaft (DT) war nicht nur vom 
Grundprinzip her, sondern auch konkret aufgrund ihrer Mitgliederstruktur eine 
klassenübergreifende Organisation. Politisch aber vertrat sie die Interessen der 
herrschenden Klasse. Sie schlug einen konservativen deutsch-nationalen Kurs 
ein, bekannte sich zum monarchischen System und unterstützte den preußisch¬ 
deutschen Militarismus. Dies war mit den politischen Überzeugungen vieler 
Handwerker und Arbeiter unvereinbar, die mit der Sozialdemokratie sympathi¬ 
sierten und innerhalb der DT eine relativ große Gruppe bildeten.26 Schon in den 
22 Bei den Reichstagswahlen 1912 erhielt die SPD 35% der abgegebenen Stimmen. 
23 Vgl. dazu Hartmut Kaelble, Nachbarn am Rhein. Entfremdung und Annäherung der 
französischen und deutschen Gesellschaft seit 1880. München 1991, S. 140-147. 
24 In Anlehnung an Pierre Bourdieu. Historische und soziale Voraussetzungen modernen 
Sports, in: Sport - Eros - Tod, hrsg. von Gunter Gebauer u. Gerd Hortleder. Frankfurt am 
Main 1986, S. 91-112. 
25 Die Verwendung des Plurals verweist auf die übereinstimmende Erkenntnis der interna¬ 
tionalen Arbeitergeschichtsforschung, dass eine homogene Arbeiterkultur nicht existierte. 
26 Vgl. Hans Joachim Teichler, "Nicht länger Reaktionären Gefolgschaft leisten". Ent¬ 
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