Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Übrigen  vor  1914  insgesamt  nur  wenig  Interesse  entgegenbrachte,10  den  Arbeitersportverband
  erst  im  Sommer  1911  als  Partei  nahe  Organisation  an.11 13  Die
ebenso  wie  der  Arbeitersport  vernachlässigten  Gruppierungen  der  Jeunesses
Socialistes,  die  sich  1912  zur  Fédération  Nationale  des  Jeunesses  Socialistes
zusammenschlossen,  versuchten  hingegen  -  oft  ohne  Erfolg  -  Arbeitersportvereine
  aufzubauen.i:  Die  deutsche  Arbeitersportbewegung  war  zumindest  bis  1908
mit  einer  ambivalenten,  wenn  nicht  ablehnenden  Haltung  der  SPD  konfrontiert,1’
aber  ihre  Mitgliederzahlen  stiegen  von  1893  bis  1914  -  im  Übrigen  auch  in
Phasen  verstärkter  staatlicher  Repressalien  -  kontinuierlich  an.14
Jedoch  lässt  sich  eine  klare  -  und  nahe  liegende  -  Parallele  zwischen  dem  allgemeinen
  Grad  der  Erfassung  der  kulturellen  Aktivitäten  der  Arbeiterschaft  durch
parteinahe  Organisationen  und  dem  Wirkungsgrad  der  Arbeitersportbewegungen
  erkennen.  Dort,  wo  die  Verbindungen  zwischen  der  Arbeiterpartei,  den
Soziokulturen  der  Arbeiter  und  der  Arbeiterkulturbewegung  besonders  eng
waren,15  verzeichnete  die  Arbeitersportbewegung  ihre  größten  Erfolge.16 17  Die
deutsche  Arbeiterbewegung  bildete  mit  ihren  politischen,  gewerkschaftlichen
und  genossenschaftlichen  Organisationen,  mit  ihren  Kultur-,  Sport-  und  Bildungsvereinen
  eine  Sonder-  oder  Gegenkultur,1  7  die  nahezu  alle  Bedürfnisse

10  Vgl.  Yolande  Cohen,  Les  jeunes,  le  socialisme  et  la  guerre.  Paris  1989,  S.  160.
11  Vgl.  Yvon  Léziart,  Sport  et  dynamiques  sociales.  Paris  1989,  S.  186.
12  L'Humanité,  11.7.  und  8.8.1912,  30.1  .,6.2.1913  und  1.6.1914;  Le  Socialiste,  24,-31.12.1911,
  31.12.1911-7.1.1912,  11.-18.2.1912;  Jugendinternationale  (1920)  1,  S.  14-15.
Vgl.  zu  den  Initiativen  der  Jungsozialisten  Nicolas  Kssis,  Le  sport  socialiste  en  France  avant
1914,  in:  Le  sport  en  France  de  1870  à  1940.  Intentions  et  interventions,  hrsg.  von  André
Gounot.  Sankt  Augustin  2001  (=  Stadion;  27),  S.  71-84.
13  Vgl.  Hans  Joachim  Teichler,  Arbeitersport  als  soziales  und  politisches  Phänomen  im
wilhelminischen  Klassenstaat,  in:  Geschichte  der  Leibesübungen.  Band  3/1,  hrsg.  von  Horst
Ueberhorst.  Berlin/München/Frankfurt  1980,  S.  461-463.
14  Vgl.  die  Statistik  in  Herbert  Dierker,  Arbeitersport  im  Spannungsfeld  der  Zwanziger
Jahre.  Sportpolitik  und  Alltagserfahrungen  auf  internationaler,  deutscher  und  Berliner
Ebene.  Essen  1990,  S.  261.  Das  schwierige  Verhältnis  zwischen  Arbeitersportorganisationen
und  Arbeiterparteien  wurde  auch  auf  der  1.  Internationalen  Arbeitersport-Konferenz  1913  in
Gent  angesprochen.  Vgl.  Compte-Rendu  (Anm.  4),  S.  10-11.
15  Diese  engen  Beziehungen  mussten  nicht  auf  einer  aktiven  Einflussnahme  der  Partei
beruhen.  So  hat  sich  die  deutsche  Arbeitersportbewegung  zwar  unabhängig  von  der  SPD
konstituiert;  sie  identifizierte  sich  aber  auf  ideologischer  Ebene  von  Anfang  an  mit  der  SPD
und  wurde  auch  von  außen  mit  ihr  identifiziert.
16  Diese  Konstellationen  ergaben  sich  auch  für  die  Arbeitersportbewegung  in  Finnland,  die
-  trotz  des  geringen  Industrialisierungsgrades  in  diesem  vor  dem  Ersten  Weltkrieg  dem
Zarenreich  angegliederten  Land  -  auch  quantitativ  zu  einem  ernsten  Konkurrenten  des
bürgerlichen  Sports  wurde.  Die  lokalen  Arbeitervereine  offerierten  ein  vielfältiges  Kulturangebot,
  das  weite  Teile  der  Arbeiterschaft  ansprach  und  sie  in  organisatorische  und
emotionale  Nähe  zur  Arbeiterpartei  brachte.  Vgl.  Seppo  Hentilä,  Vergleichende  Aspekte
zum  Verhältnis  des  Arbeitersports  zu  den  Arbeiterparteien  in  Deutschland,  Schweden  und
Finnland  vor  dem  1.  Weltkrieg,  in:  Arbeiterkultur  und  Arbeitersport,  hrsg.  von  Hans  Joachim
  Teichler.  Clausthal-Zellerfeld  1985,  S.  24-34.
17  Die  These  der  Gegenkultur  ist  aufgrund  integrativer  Tendenzen  der  deutschen  Arbeiterbewegung
  und  der  partiellen  Anlehnung  ihrer  Kulturorganisationen  an  die  dominierende
bürgerliche  Kultur  in  der  Arbeitergeschichtsforschung  umstritten.

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