2000 Mitglieder,6 * eine für die Schwäche der Arbeitersportbewegung in Westeuropa
charakteristische Zahl.
ln vergleichender Perspektive erscheint diese quantitative Diskrepanz als Konsequenz
der verschiedenartigen politischen Konstellationen, die sich auf die
kulturellen Identitäten der Arbeiter auswirkten und sich in den Organisationsformen
des Sports widerspiegelten. Wie im zweiten Teil des Beitrags dargestellt
wird, glichen sich hingegen die körperkulturellen Praktiken innerhalb der
Arbeitersportbewegung noch vor dem Ersten Weltkrieg länderübergreifend
zunehmend aneinander an. Dabei ist die Frage zu untersuchen, inwieweit dies
einerseits auf die Dominanz und Aneignung des bürgerlichen Sportmodells,
andererseits auf politische Optionen zurückzuführen ist.
Gründungsbedingungen und Wachstumsfaktoren
Aus dem Anteil der Industriearbeiter an der berufstätigen Bevölkerung, den
Wahlerfolgen der Arbeiterparteien und der Mitgliederstärke der Gewerkschaften
lässt sich kein eindeutiger Zusammenhang mit den Mitgliederzahlen der Arbeitersportorganisationen
im jeweiligen Land ableiten. Im Gegensatz zu den Konstellationen
in Deutschland stand die minimale quantitative Ausdehnung der
Arbeitersportbewegung in Frankreich in einem deutlichen Missverhältnis zum
steigenden Umfang der Arbeiterschaft, zur gesellschaftlichen und politischen
Bedeutung der Arbeiterbewegung8 9 sowie zur Summe der in verschiedenen
Sportverbänden organisierten Personen.'' Vor allem aber reflektierten die wenigen
Mitglieder der FSAS, wie noch ausführlich dargestellt wird, in keiner Weise die
wachsende Zahl von Arbeitern, die aktiv am Sportgeschehen teilnahmen.
Offenbar keine Rolle hat die Frage gespielt, inwieweit die Arbeitersportbewegung
von den Arbeiterparteien gefördert wurde: Die fehlende Unterstützung
seitens der sozialistischen oder sozialdemokratischen Parteien, in deren Dienst
sie ihre Aktivitäten stellten, war eine Gegebenheit, mit der sich die Arbeitersportbewegungen
in Deutschland und Frankreich zunächst in gleichem Maße
abfinden mussten, ln Frankreich erkannte die Sozialistische Partei, die der
Einbindung der Jugend und der frühzeitigen sozialistischen Erziehung im
6 Vgl. L'Humanité, 31.3.1913; Association Socialiste Internationale d'Education Physique.
2me Congrès international et 16me Congrès national, tenus à Seraing, les 14, 15 et 16 août
1919. Programme général et rapports présentés. o.O., o.J., S. 10.
Die belgische Organisation, die Fédération des Cercles socialistes de Gymnastique et
d'Enfants du Peuple (1904 gegründet) erfasste 1912 ebenfalls nur ungefähr 2000 Mitglieder.
Vgl. L'Humanité, 31.3.1913; Association Socialiste (Anm. 6), S. 10.
8 Die Stagnation der französischen Arbeitersportbewegung kontrastierte mit dem Aufschwung
der Sozialistischen Partei, deren Mitgliederzahlen von 44.000 (1906) auf 90.000 (1914)
anstiegen und die 1914 auf knapp 1,5 Millionen Wähler (17% der Stimmen) verweisen
konnte. Vgl. Madeleine Rébérioux, La République radicale? 1898-1914. Paris 1975, S. 165.
9 Kurz vor dem Ersten Weltkrieg war ca. eine halbe Million Einwohner in Gymnastik- und
Sportvereinen organisiert. Vgl. Pierre Arnaud, Diviser et unir. Sociétés sportives et nationalismes
en France ( 1870-1914), in: Sport-Histoire (1989) 4, S. 39.
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