sicher nicht denkbar gewesen, wenn nicht im Zusammenhang mit ökonomischen
Entwicklungen und sozialen Veränderungen bei Teilen der Arbeiterschaft ein
Klassenbewusstsein entstanden wäre, das sich zunächst in der Gründung und in
der wachsenden Bedeutung von politischen und gewerkschaftlichen Organisationen
der Arbeiterschaft äußerte, ln jedem Land gingen nicht nur die Gründungen
von bürgerlichen Tum- und Sportorganisationen, sondern auch die Entstehung
politischer Arbeiterbewegungen der Konstituierung von Arbeiterturnund
-sportverbänden voraus. Die Industrialisierung und Urbanisierung, die
Herausbildung eines städtischen Proletariats und die Reduzierung der Arbeitszeit
durch den Übergang von extensiven zu intensiven Produktionsmethoden
schufen zweifelsohne förderliche Grundbedingungen für die Verbreitung proletarischer
Sportpraxis, die sich allerdings nicht zwangsläufig in wachsenden
Mitgliederzahlen der Arbeitersportverbände ausdrückte: Der relativen Stärke der
Arbeitersportbewegung in Zentraleuropa stand ein sehr schwacher Entfaltungsgrad
der Arbeitersportbewegungen in Westeuropa gegenüber, und dies in
besonders krasser Form in Großbritannien,* 4 dem Mutterland der Industrialisierung
und des Sports, der sich dort in bestimmten Bereichen (vor allem im Fußball)
besonders früh "proletarisierte".
In Deutschland erreichte die Arbeitersportbewegung, wie die Arbeiterbewegung
insgesamt, die mit Abstand größte Organisationsstärke. Der 1893 in Gera gegründete
Arbeiter-Tumerbund (ATB) erfasste 20 Jahre später 186.958 Mitglieder
und auch der 1896 konstituierte Arbeiter-Radfahrerbund Solidarität konnte seit
1908 auf mehr als 100.000 Mitglieder verweisen.5 Das breit gefächerte Organisationsnetz
der deutschen Arbeiterturn- und -Sportbewegung, zu dem neben
verschiedenen Fachverbänden weitere Organisationen wie der Arbeiter-Samariter-Bund
und der Touristenverein "Die Naturfreunde" gehörten, erreichte unmittelbar
vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Gesamtstärke von etwa einer halben
Million Mitgliedern.
Der Ende 1908 in Paris von Mitgliedern der Sozialistischen Partei gegründete
französische Arbeitersportverband, die Fédération sportive et athlétique socialiste
(FSAS), zählte zum gleichen Zeitpunkt hingegen kaum mehr als
Bewegung organisiert waren.
4 In England entstand vor dem Ersten Weltkrieg nur im Bereich des Radsports eine politisch
orientierte Arbeiter Sportorganisation: der Clarion Cycling Club, dessen Gründung im Jahre
1894 auf eine Initiative von Lesern der sozialistischen Wochenzeitung Clarion zurückging.
Dieser Verein zählte 1912 ca. 6000 Mitglieder. Vgl. Compte-Rendu du 1er Congrès International
des Groupes Socialistes d'Education physique, tenu à Gand le 10 mai 1913. Bruxelles
1913, S. 30; L'Humanité, 31.3.1913.
5 Zahlen nach Wolfgang Eichel u.a., Illustrierte Geschichte der Körperkultur. Berlin 1984,
S. 239 und Illustrierte Geschichte des Arbeitersports, hrsg. von Hans Joachim Teichler u.
Gerhard Hauk. Berlin/Bonn 1987, S. 248.
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