die Zöpfe der Artillerieoffiziere und die Heeresbürokraten füglich ärgern, weil
diese immer noch nicht die besondere Qualität der geschmiedeten Rohre aus
Essen anerkannten, aber das war interne, nicht politische Kritik,
Stumm dagegen kam aus einer politisch sensiblen Grenzregion, für die ein
starkes Preußentum auch aus konfessioneller Überzeugung unternehmerische
Freiräume zu garantieren hatte. Er hat sich, ganz unliberal, in der Zeit des Verfassungskonflikts
energisch und bis vor die Stufen des Throns gegen eine Privatisierung
des preußischen Bergwerksbesitzes im Saarrevier gewandt und
scheint sogar Bismarck davon überzeugt zu haben, dass dies ein unangemessenes
Mittel zur Gewinnung finanzieller Handlungsspielräume sei. Mit Bismarck
verband ihn viel, ich komme darauf zurück. Zumal nach Gründung des Norddeutschen
Bundes war er gemäßigter, aber nicht agrarisch-partikularistischer
Konservativer und Monarchist, und zwar durchgängig in der Zeit seiner Zugehörigkeit
zu den Reichstagen von 1867 bis 1881 sowie erneut von 1890 bis
zu seinem Tode. Anders als Krupp, beteiligte er sich nicht nur an schwerindustriellen
Interessenverbänden, sondern initiierte sie. Als solche Verbände in
rascher Folge gegründet wurden, hatte sich Krupp längst in die kalte Einsamkeit
auf dem Hügel zurückgezogen und mit seiner Frau zerstritten, um die Prokura
mit dem Wust seiner Zettelnotizen zu traktieren. Jetzt und später agierte die
Prokura, später Direktorium genannt, in der Verbandspolitik, nicht der Chef des
Hauses selbst. Von Ausflügen dieser Art durch Friedrich Alfred abgesehen, hat
vor allem Gustav Krupp von Bohlen und Haibach zeitweilig, da hatte er sich
dann über "seinen" Hugenberg ordentlich geärgert, diese Orientierung bis hin
zu einem Verbot der Übernahme parlamentarischer Mandate fortgesetzt,21 Aber
das Direktorium agierte sehr wohl in den Verbänden, regte Kartelle an und leitete
sie, bestimmte die örtliche Handelskammer-Politik, wie Stumm das selbstverständlich
auch im Saarrevier tat.
Überwiegend waren solche Unterschiede mithin schlicht dem Handlungsalter der
beiden regionalen Symbol-Unternehmer geschuldet. Was sie ohne Zweifel so
außerordentlich vergleichbar macht, das ist die von ihnen, mit ganz und gar
"sichtbarer Hand", also unter stark persönlicher Färbung entfaltete Unternehmenskultur.
Über Sozialpolitik und Unternehnienskultur
"Unternehmenskultur" ist ein moderner Forschungs- und wohl auch Kampfbegriff;
das mag seine Eignung einschränken. Ich verbinde damit nicht etwa jene
manchmal emphatischen Phrasen von der "corporate identity", gleichviel, welchen
Ursprungs sie sind und welchen Interessen sie dienen, sondern meine ein
Gefüge von betriebs- und unternehmensbezogenen, keineswegs nur betriebli¬21
Vgl. Ten fei de (Anm. 7), S. 30f, 163.
238