Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

Wir wollen jedoch Alfred Krupp und Carl Ferdinand Stumm vergleichen, denn 
dieser Vergleich wird insinuiert, wenn vom Habitus "ä la Krupp/Stumm" die 
Rede ist. Beide sind sich einmal begegnet, und der zu jenem Zeitpunkt (1860) 
genau doppelt so alte Krupp hatte wenig Gefallen an seinem Gegenüber: Reich 
und selbstbewusst erschien ihm Stumm - "Er wäre nicht mein Mann."18 Krupp 
war denn auch, jedenfalls mehr als Stumm, der Repräsentant des Zeitalters des 
Eisens, was er gegenüber dem preußischen König nach dem Erfolg seiner Kano¬ 
nen gegen Frankreich stolz kundtat: Waffen aus Bronze gehörten zu einer 
älteren Zeit, Stahl hieß das Gebot der Stunde. Diesen in hoher Qualität zu 
produzieren, gelang in Essen seit den 1830er Jahren. Gewisse unternehmens¬ 
strategische Entscheidungen mögen sich gleichen, so vor allem die frühzeitige 
Vertikalisierung in der Verflechtung der Betriebe durch Zugliederung von 
Kohlenzechen und Kokereien. Bei Stumm blieben solche Maßnahmen allerdings 
in Ansätzen stecken. Man produzierte auch zum Teil dieselben Waren für diesel¬ 
ben Nachfrager, vor allem Schienen, aber Krupp konnte namentlich in den 
1860er Jahren einen schier uneinholbaren Vorsprung durch sein Patent auf die 
Herstellung von nahtlosen Eisenbahn-Reifen erringen. Damals kümmerte Stumm 
jedenfalls in Neunkirchen noch vor sich hin, wenn er auch an Einfluss in der 
saarländischen Hüttenindustrie insgesamt gewann. 1869 lag der Belegschafts¬ 
stand hier nur unwesentlich über jenem bei Übernahme des Werks, Krupp aber 
vervierfachte seine Belegschaft in Essen im Jahrzehnt vor dem Deutsch-Französi¬ 
schen Krieg. Dieser endlich brachte Stumm mittelbar jenen Wachstumsvorteil, 
der anders kaum zu erlangen gewesen wäre: Längst schon waren die örtlichen 
Erzvorkommen erschöpft, und die Heranführung der Lahn-Erze erwies sich 
zunehmend als aufwendig und teuer. Mit der lothringischen Minette sollte sich 
das ändern, wenn man aus der Not des Phosphorgehalts die Tugend einer 
Umstellung der Produktion zu machen verstand. Denn die Phosphorerze eigne¬ 
ten sich nicht für die Erschmelzung von Stahl, auf den - statt der früher üblichen 
schweißeisernen Schienen - die Nachfrager im Eisenbahnbau in den 1870er 
Jahren umstiegen; Stumm stellte deshalb zunächst auf die Herstellung von 
schweißeisernen Trägern um, bis seit 1881 das neue Thomasverfahren die 
Erschmelzung eines Qualitätsstahls aus der Minette gestattete: Stumm hat hier die 
Möglichkeiten und Erfordernisse rasch erkannt und umgesetzt. Trotzdem blieb 
das Wachstum in Neunkirchen hinter dem in Essen, wo die Gussstahlfabrik seit 
1874 in eine lang dauernde Krise gestürzt war, deutlich zurück. 
Will man ein weit reichendes Urteil fällen, so ist wohl unbestreitbar, dass Krupp 
der erfolgreichere Unternehmer gewesen ist, der allerdings auch über bei weitem 
günstigere Voraussetzungen für Expansion, Konzentration und Diversifikation 
verfügte. Was letztere, die Diversifikation anging, hat Krupp sich im Aufbau 
seines Familienimperiums nach dessen zweiter Gründungsphase sehr bewusst 
18 Lutz Graf Schwerin von Krosigk, Die große Zeit des Feuers. Bd. 2. Tübingen 1958, 
S. 101, dort ohne Quellenangabe; zit. auch bei Puppke (Anm. 4), S. 264. 
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