Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

lungen  ergiebige  Bilanz  der  Stummschen  betrieblichen  Sozialpolitik  vorgelegt,
in  der  alle  Instrumente  solchen  Handelns,  wie  sie  längst  schon  aus  der  arbeiterund
  unternehmensgeschichtlichen  Forschung  bekannt  sind,  der  Reihe  nach
auftauchen,  außer  den  Konsumanstalten,  die  Stumm  bekanntlich  wegen  ihrer
Gefahren  für  den  Mittelstand  ablehnte  -  nur,  dass  all  dies  bei  Stumm  um  ein  paar
Grade  umfassender,  gewichtiger  und  auch  teurer  erscheint  als  bei  seinen  Konkurrenten
  innerhalb  und  außerhalb  der  Region.  Banken  räumt  zwar  ein,  dass  so
genannte  "ideologische  Einflussfaktoren"  bei  Stumm  und  de  Wendel  eine  Rolle
spielten  und  dass  das  "Leistungsangebot",  das  übrigens  die  Arbeiter  wohl  nicht
ablehnen  konnten,  "nicht  allein  ökonomisch  erklärt  werden"  könne,"  aber  für
maßgeblich  werden  diejenigen  Einflüsse  gehalten,  die  vom  örtlichen  Arbeitsmarkt
  ausgingen,  also  letztlich  ökonomische  Erwägungen.  Es  gibt  allerdings
einige  gute  Gründe,  gerade  den  saarländischen  Arbeitsmarkt  -  wegen  einer
vergleichsweise  hohen  Selbstrekrutierung  in  einer  kinderreichen,  ländlichkatholischen
  Arbeiterschaft  -  für  ziemlich  abgeschlossen,  gar  abgekapselt  etwa
im  Vergleich  zur  Ruhr  und  zu  Oberschlesien  zu  halten,  ln  der  Saargegend  hätte
es  demnach  fluktuationsmindernder,  die  Heranziehung  einer  "Stammarbeiterschaft"
  fördernder  Instrumente  weniger  bedurft  als  an  der  Ruhr,  wo  die  schwerindustriellen
  Unternehmen  über  Jahrzehnte  im  Arbeitsmarkt  scharf  konkurrierten
und  sich  allenfalls  darin  einig  waren,  dass  andere  Branchen  nicht  anzusiedeln
seien  und  dass  die  Unternehmerschaft  selbst  das  Heft  nicht  aus  der  Hand  geben
dürfe,  was  bekanntlich  zur  Gründung  des  Zechenverbands  als  zentralisierte
Aufsicht  über  den  Arbeitsmarkt  führte.
Im  Kern  richtig  erscheint  Bankens  Annahme,  wonach  nicht  die  Gegnerschaft  zu
einer  an  der  Saar  noch  gar  nicht  vorhandenen  gewerkschaftlich-sozialdemokratischen
  Richtung  in  den  1860er  und  gar  noch  in  den  1890er  Jahren  zum  Ausbau
der  betrieblichen  Sozialpolitik  geführt  habe.  Da  mag  es  Zweifel  geben  wegen  der
letzteren  Phase,  denn  im  nahen  Bergbau  rumorte  ja  seit  1889  jene  Rechtsschutzbewegung,
  und  Stumm  pflegte  neben  vielen  anderen  Feindbildern  eines  ganz
besonders,  das  der  "roten  Kapläne".  Man  darf  auch  einwenden,  dass  in  Preußen
der  Sozialismus  längst  schärfstens  bekämpft  wurde,  als  es  ihn  kaum  erst  gab.
Wichtiger  ist  jedoch  die  Frage,  ob  nicht  andere  Orientierungen,  andere  Traditionen
  das  Verhalten  und  Handeln  beeinflussten,  wenn  etwa  zu  beobachten  ist,
dass  Stumm  in  seinen  Werken  Knappschaften  nach  dem  jahrhundertealten
Vorbild  der  Organisation,  das  selbstverständlich  gerade  an  der  Saar  durch  den
preußischen  Bergwerksbesitz  virulent  war,  einführte,  nämlich  in  der  ziemlich
unökonomischen  und  in  der  Bismarckschen  Sozialpolitik  ja  auch  fallen  gelassenen
  Symbiose  von  Kranken-,  Unfall-,  Invaliden-,  Witwen-  und  Waisenversicherung,
  ja,  als  Bildungseinrichtung  und  ständischer  Disziplinarverband
nebst  Uniformen  und  Fahnen.

11 Ebd.,  S.  139.

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