Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

zahlten sich so auf den meisten Zechen in zusätzlichen Lebensmitteln aus, die 
angesichts der viel zu geringen Normalernährung aber notwendig waren, um bei 
Kräften zu bleiben und damit letztlich das Überleben zu sichern. Angesichts der 
existentiellen Bedeutung solcher an die Arbeitsleistung gebundenen zusätz¬ 
lichen Lebensmittel stellten diese keineswegs eine einfache Leistungsprämie dar, 
sondern ein Mittel der Arbeits- und Leistungserzwingung. Die Werksleitung der 
im ostlothringischen Revier gelegenen Schachtanlage Falkenberg, welche 
während des Zweiten Weltkrieges der Saargruben Verwaltung unterstand, drohte 
beispielsweise widerspenstigen Zwangsarbeitern erfolgreich mit dem Entzug der 
Überportionen, bis ihr Verhalten wieder korrekt sei.67 
Darüber hinausgehend gehörte auch die Kürzung von Essensrationen zu den 
gebräuchlichen Disziplinierungsmitteln im Ruhr- und Saarbergbau. So einigten 
sich beispielsweise die Schachtanlagen der Gruppe Mitte der Saargruben AG 
darauf, kranke Ausländer, von denen man glaubte, dass sie ihren Heilungs¬ 
prozess bewusst hinauszögerten, auf halbe Normalrationen zu setzen, bis sie 
sich wieder arbeitsfähig meldeten.6>! Unklar ist dagegen, ob und wie weit an 
Ruhr und Saar Formen systematischer Leistungsernährung angewandt wurden, 
bei denen die Überportionen der Zwangsarbeiter aus der stärksten Leistungs¬ 
klasse aus den systematisch gekürzten Rationen der leistungsschwächsten 
Zwangsarbeitergruppe gewonnen wurden. Diese schärfste Form der Leistungs¬ 
ernährung lief letztendlich auf eine bewusste Selektion leistungsschwacher 
Zwangsarbeiter hinaus, deren Gesundheit und Leben durch die weitere Kürzung 
der sowieso bei weitem nicht ausreichenden Nahrungssätze in hohem Maße 
gefährdet waren. Während es für einige Schachtanlagen des Ruhrbergbaus 
Hinweise auf diese Form der Leistungsernährung gibt, gilt dies für die Saar 
allerdings nicht.64 
Als Disziplinierungsmittel hauptsächlich für kontraktbrüchige oder die Arbeit 
verweigernde Arbeiter, insbesondere auch für ausländische Zivilarbeiter, gewan¬ 
nen in der zweiten Kriegshälfte die so genannten Arbeitserziehungslager (AEL) 
der Gestapo, in denen die Eingewiesenen einige Wochen unter KZ-ähnlichen 
Bedingungen Zwangsarbeit leisteten, an Bedeutung. 11 Diese Arbeitserziehungs¬ 
lager - für den Ruhrbergbau war das AEL Essen/Mülheim, für den Saarbergbau 
das Polizeigefangnis Neue Bremm 1 zuständig -, hatten aber für die Unterneh- 
67 Vgl. Niederschrift der Sitzung des Arbeitskreises für Leistungssteigerung der Grube 
Falkenberg vom 21.12.1943 (BBA 16/591). 
68 Vgl. Niederschrift über die Sitzung der Arbeitsgruppe für "Ausländereinsatz" der Gruppe 
Mitte (Westmark) am 7.10.1943 (BBA 16/600). 
69 Vgl. z.B. die Niederschrift zur Sitzung des Arbeitskreises für Leistungssteigerung der 
Zeche Ver. Dahlhauser Tiefbau vom 27.5.1943 (BBA 16/587). 
11 Vgl. dazu allgemein Gabriele Lotfi, KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten 
Reich. Stuttgart u.a. 2000. 
71 Vgl. Elisabeth Thalhofer, Neue Bremm - Terrorstätte der Gestapo. Ein erweitertes 
Polizeigefängnis und seine Täter 1943-1944. St. Ingbert 22003. 
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