Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

Die Kompromissformel, auf die man sich bei Beginn des "Ausländereinsatzes" 
im Kohlenbergbau im Sommer 1940 geeinigt hatte, und nach der die deutsche 
Kohle weiter von deutschen Bergmännern gefördert werden sollte, die lediglich 
zeitweise aus Kriegsnotwendigkeiten durch ausländische Hilfsvölker unterstützt 
werden müssten, war gegen Kriegsende fast gegenstandslos geworden. Auf 
vielen Schachtanlagen an Ruhr und Saar wurde der größte Teil der eigentlichen 
produktiven Kohlengewinnung am Abbauhammer untertage von vor allem 
sowjetischen Zwangsarbeitern geleistet.63 Dabei erzielten die ungelernten und 
unterernährten Zwangsarbeiter oft erstaunliche Arbeitsleistungen. Dies war aber 
nicht nur ein Ergebnis der verbesserten Organisation und einer verbesserten 
Anlernung der Zwangsarbeiter, sondern auch, und damit komme ich zum dritten 
Punkt, ein Resultat eines Systems von betrieblichen Leistungsanreizen und 
Sanktionsmitteln. 
Die erstaunlichen Leistungssteigerungen in den Russenstreben, die in den 
letzten beiden Kriegsjahren nicht selten 80 bis 100% der Arbeitsleistung 
deutscher Gedingekameradschaften erreichten, kamen beispielsweise oft nur 
dadurch zustande, dass man den sowjetischen Zwangsarbeitern die Ausfahrt aus 
der Grube verweigerte, solange sie ein bestimmtes Arbeitspensum nicht geschafft 
hatten,64 Als wirksamstes Mittel der Leistungserzwingung erwies sich aber die 
Ernährung. Insbesondere der Ruhrbergbau hatte die ungenügende Ernährung 
der sowjetischen Zwangsarbeiter von Beginn an beklagt und sich - mit aller¬ 
dings geringem Erfolg - für Erhöhungen der Ernährungssätze eingesetzt, um eine 
kontinuierliche Arbeitsfähigkeit der sowjetischen Zwangsarbeiter wenigstens auf 
niedrigem Niveau zu gewährleisten. Auf der anderen Seite nutzten Ruhr- und 
Saarbergbau die Mangelernährung der sowjetischen Kriegsgefangenen aber auch 
als Disziplinierungsmittel bzw. als wirksames Mittel zur Erzwingung von Ar¬ 
beitsleistungen. Nicht nur der Arbeitskreis für Leistungssteigerung der Gelsen- 
kirchener Zeche Hugo hatte erkannt, dass für sowjetische Kriegsgefangene der 
größte Anreiz zur Erhöhung der Leistung die Aussicht auf größere Essensporti¬ 
onen sei.65 
Die Ernährung der sowjetischen Zwangsarbeiter und später der italienischen 
Militärintemierten wurde so frühzeitig an deren Arbeitsleistung gekoppelt. Die 
Grundlage hierfür bildete eine systematisierte Bewertung der Arbeitsleistung der 
Ausländer, die auf wöchentlich neu vorzunehmenden Einteilungen der Aus¬ 
länder in unterschiedliche Leistungsklassen beruhte.66 Gute Arbeitsleistungen 
63 Vgl. z.B. Niederschrift des Arbeitskreises für Leistungssteigerung der Grube Camphausen 
vom 14.12.1943 (BBA 16/591). 
64 Vgl. z.B. Niederschrift zur Sitzung der Leistungskameradschaft Essen III vom 29.3.1943 
(BBA 16/597). 
65 Vgl. Niederschrift zur Sitzung des Arbeitskreises für Leistungssteigerung der Zeche Hugo 
am 3.4.1944, BBA 16/588. 
66 Vgl. hierzu z.B. Niederschrift über die Sitzung der Arbeitsgruppe für den "Ausländerein¬ 
satz" der Gruppe Mitte (Westmark) am 9.9.1943 (BBA 16/600). 
228
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.