Den deutschen Belegschaften sollte der '’Ausländereinsatz" vor allem durch den
relativen sozialen Aufstieg bei einer Unterschichtung der Stammbelegschaften
durch die ausländischen Hilfsarbeiter schmackhaft gemacht werden. Die Planungen
zum so genannten "Russeneinsatz" hatten zunächst eine unmittelbare
Unterschichtung der deutschen Untertagebelegschaften mit sowjetischen
Zwangsarbeitern derart vorgesehen, dass einem deutschen Hauer oder einer
deutschen Gedingekameradschaft sowjetrussische Arbeiter für die schweren
Hilfsarbeiten, insbesondere für das Kohleschippen, zugeteilt wurden. Dies hatte
allerdings nicht das erhoffte Ergebnis, dass die Deutschen den Vorteil der
zunächst bewusst zu niedrigen Einstufung der Zwangsarbeiter in ihr Gedinge
nutzten, um bei gleich bleibender oder steigender persönlicher Arbeitsleistung
ihren Verdienst zu verbessern. Die deutschen Hauer nutzten "ihren Russen"
- grob vereinfacht - vielmehr vielfach dazu, ihre eigene Arbeitsbelastung zu
reduzieren, mit Hilfe des "Russen" aber das gleiche Arbeitsergebnis wie zuvor zu
erzielen und so mit dem gleichen Lohn, aber weniger erschöpft nach Hause zu
gehen. "Vielfach nutzen die deutschen Hauer die sowjetischen Arbeiter aus und
halten mit ihrer eigenen Leistung zurück", fasste Heinrich Kost die im Sinne
einer Leistungs- und Fördersteigerung negativen Erfahrungen vieler Bergwerksbetriebe
zusammen.'
In der Folge wurde dieses Modell der unmittelbaren Unterschichtung der
deutschen Belegschaften durch sowjetische Zwangsarbeiter zunehmend aufgegeben.
Dies führt zum zweiten Punkt, der betrieblichen Organisation des "Ausländereinsatzes".
Auch auf Grund des Scheiterns der unmittelbaren Unterschichtung
wurde nun eine möglichst weit gehende Trennung zwischen deutscher Stammbelegschaft
und Ausländern und damit eine möglichst selbständige Organisation
der Zwangsarbeit in so genannten "Russenstreben" oder "Russenbetrieben"
mit eigenem Gedinge angestrebt, wo immer dies die betrieblichen und bergbaulichen
Verhältnisse eben ermöglichten. In "Russenstreben" arbeiteten oft
mehr als 50 sowjetische Kriegsgefangene oder "Ostarbeiter" unter der Aufsicht
eines deutschen Berginvaliden oder zuweilen auch von sowjetischen Vorarbeitern
weit gehend selbständig vor Kohle. Der "Ausländerstreb", hielt beispielsweise
der Arbeitskreis für Leistungssteigerung der saarländischen Grube
Camphausen unmissverständlich fest, stelle das Endziel des "Ausländereinsatzes"
dar.57 58
Mit der Organisation der Zwangsarbeit im "Russenstreb" wurde die ursprüngliche
und ideologisch geformte Vorstellung, Zwangsarbeit im Kohlenbergbau
auf schwere Hilfsarbeiten zu beschränken, endgültig aufgegeben. Zwangsarbeit
umfasste in immer größerem Umfang die gesamte bergmännische Tätigkeit vor
(BBA 16/597).
57 Vgl. Schreiben von Heinrich Kost an die Bezirksgruppe vom 2.11.1942 (BBA 16/590).
58 Vgl. Niederschrift zur Sitzung des Arbeitskreises für Leistungssteigerung der Grube
Camphausen vom 28.10.1943 (BBÄ 16/591).
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