Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Zum  ersten  Punkt:  Bereits  seit  dem  Frühjahr  1940,  als  an  der  Ruhr  die  ersten
ausländischen  Arbeiter  aus  den  besetzten  Gebieten  sowie  aus  verbündeten
Staaten  eingesetzt  wurden,  war  dies  von  der  durchaus  bangen  Frage  begleitet,
wie  die  deutschen  Belegschaften  in  ihrer  Arbeitsleistung  und  -moral  auf  den
"Ausländereinsatz"  reagieren  würden.  Beispielsweise  war  die  Lohnpolitik  gegenüber
  den  Ausländern  immer  auch  von  der  Sorge  geprägt,  die  Deutschen  könnten
sich  gegenüber  den  Ausländern  benachteiligt  fühlen.  Besonders  aber  der  so
genannte  "Russeneinsatz"  wurde  nach  den  Beobachtungen  vieler  Betriebsleitungen
  bei  den  Belegschaften  zunächst  eher  skeptisch  und  ablehnend  aufgenommen,
  weil  sie  zusätzliche  Arbeitsbelastungen  fürchteten  und  ihr  Gedinge  in
Gefahr  wähnten.''1  So  sahen  es  viele  Arbeitskreise  als  ihre  Aufgabe  an,  die
deutschen  Belegschaften  über  die  Notwendigkeit  des  "Ausländereinsatzes"  zu
unterrichten,  um  sich  so  Verständnis  und  Mitarbeit  zu  sichern.51 52  Man  müsse,  so
hatte  Kost  gefordert,  dem  Kumpel  erklären,  warum  man  gewisse  Maßnahmen  trifft
und  Änderungen  im  Betrieb  vornimmt,  um  den  Kumpel  auch  einmal  mitsprechen
zu  lassen.53
Diese  Propaganda  zum  "Ausländereinsatz"  umfasste  vor  allem  immer  wieder  die
Forderung  nach  einem  korrekten  und  disziplinierten  Verhalten  gegenüber  den
Ausländern,  wie  es  beispielsweise  der  für  den  "Ausländereinsatz"  auf  der  Grube
Heinitz  zuständige  Betriebsinspektor  Steher  einforderte.54 55  Disziplinloses  und
unkorrektes  Verhalten  gegenüber  den  Ausländern  beklagten  die  Werksleitungen
in  zwei  völlig  entgegengesetzten  Richtungen.  Zum  einen  waren  die  nicht  seltenen
  exzessiven  Prügeleien  und  Misshandlungen  gegen  Zwangsarbeiter  Gegenstand
  der  Appelle  der  Werksleitungen.  Auf  der  anderen  Seite  warnte  beispielsweise
  der  Werksdirektor  des  Bergwerks  Dudweiler  die  zur  Sitzung  des  Arbeitskreises
  erschienenen  Belegschaftsmitglieder  davor,  dass  die  sowjetischen  Kriegsgefangenen
  Mitleid  durch  Klagen  über  ihre  schlechte  Ernährung  zu  erwecken
versuchten.'''’  Um  solches  zu  verhindern,  ging  der  Arbeitskreis  für  Leistungssteigerung
  der  Gladbecker  Zeche  Zweckel  ungewöhnliche  Wege.  Die  deutschen
Bergarbeiter  der  Zeche  sollten  in  Gruppen  zum  Essen  in  die  Ausländerlager
geführt  werden,  um  ihnen  zu  demonstrieren,  dass  das  Essen  vollkommen  in
Ordnung  sei  und  sie  nicht  in  Versuchung  kämen,  den  Ausländern  aus  falschem
Mitleid  die  berühmten  Butterbrote  zuzustecken.56

51  Vgl.  ebd.
52  Vgl.  z.B.  Niederschrift  zur  Sitzung  des  Arbeitskreises  für  Leistungssteigerung  der  Zechen
Alter  Baase,  Gottessegen  und  Caroline  am  13.4.1943  (BBA  16/587).
53  Vgl.  Niederschrift  zur  6.  Sitzung  des  westdeutschen  Ausschusses  für  Leistungssteigerung
am  27.10.1943  (BBA  16/583).
54  Vgl.  Niederschrift  zur  Sitzung  des  Arbeitskreises  für  Leistungssteigerung  der  Grube
Heinitz  am  17.12.1943  (BBA  16/591).
55  Vgl.  Niederschrift  zur  Sitzung  des  Arbeitskreises  für  Leistungssteigerung  des  Steinkohlenbergwerks
  Dudweiler  am  29.2.1944  (BBA  16/591).
56  Vgl.  Niederschrift  zur  Sitzung  der  Leistungskameradschaft  I  am  23.11.1943

225
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.