Strukturen an die neuen Bedingungen anzupassen. Statt aus den Defiziten der
Unternehmensstruktur Konsequenzen zu ziehen, diente das Saarbrücker Modell
sogar noch als Vorbild für den neu entstehenden staatlichen Ruhrbergbau. Erst
in den zwanziger Jahren wählte man in Preußen ein neues Organisationsmodell
für staatliche Unternehmen und brachte den preußischen Staatsbergbau in die
neu gegründete privatkapitalistisch organisierte Aktiengesellschaft der Preussag
ein, wegen der Abtrennung des Saargebietes allerdings ohne die Saargruben.93
Wenngleich diese Ergebnisse nicht verallgemeinert werden können, gibt es
dennoch in den wenigen bisher durchgeführten Untersuchungen mehrere Hinweise,
dass ebenso bei anderen Staatsunternehmen eine möglichst hohe Gewinnabführung
an den Staatshaushalt immer Vorrang vor anderen, auch betriebswirtschaftlichen
Zielen besaß. Dieses ist beispielsweise bei den staatlichen Ruhrzechen94
oder dem fiskalischen Kalibergbau95 zu beobachten. Bezeichnenderweise
sagte selbst der preußische Handelsminister Möller 1904: "Ich würde
geradezu fahrlässig im Interesse des Fiskus verfahren, wenn ich willkürlich
andere Preise hinstellte als die, die jedermann mir gerne bezahlt. Natürlich heißt
das nichts anderes, als ich nehme den höchsten Preis, den ich erhalten kann."96
Dagegen kann Hesse für die Reichspost aufzeigen, dass die Post bis zur Jahrhundertwende
keineswegs unter fiskalischem Interesse betrieben wurde und
nach 1900 aufgrund einer ordnungspolitischen Weichenstellung mit dem
Aufbau des ländlichen Telefonnetzes eine Infrastrukturpolitik betrieben wurde,
die den Reichshaushalt über eine ausgedehnte Anleihefinanzierung in erheblichem
Maße belastete.97
Unabhängig von anderen Staatsunternehmen hat das hier dargelegte Beispiel
gezeigt, dass auch die staatliche Unternehmertätigkeit ein lohnendes Objekt
wirtschafts- und unternehmensgeschichtlicher Analysen ist und sich die historische
Forschung verstärkt der speziellen Rahmenbedingungen der Staatsunternehmen
und ihrer Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung zuwenden
sollte.
93 Hans-Joachim Winkler, Preußen als Unternehmer. Berlin 1965.
94 Dietmar Bleidick, Die Hibemia Affäre. Der Streit um den preußischen Staatsbergbau im
Ruhrgebiet zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Bochum 1999, S. 179-187.
95 Lotte Kronheim, Der Kalibergbau des preußischen Staates, seine Entwicklung, Rentabilität
und finanzpolitische Bedeutung. Diss. Berlin 1928, S. 8-9 und 88.
96 Zit. nach Haniel (Anm. 61), S. 39.
97 Hesse (Anm. 2), S. 54-61,227-239, 390-395 und 426-427.
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