Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

heraus.  Damit  eng  zusammen  hängt  die  Frage  nach  der  Eigenständigkeit  von
Betriebskulturen  und  betrieblicher  Sozialpolitik  zur  Betriebsbindung  der  Belegschaft.
  Klaus  Tenfelde  zeichnet  sie  für  Stumm  und  Krupp  bei  allen  Ähnlichkeiten
  gerade  in  der  betrieblichen  Sozialpolitik  doch  auch  kontrastiv  nach:
autoritär-väterlich  als  „Werksfarmlie“  konzipiert  bei  Krupp,  militärisch-soldatisch
  orientiert  bei  Stumm.  An  der  Saar  repräsentiert  beispielsweise  das  ursprünglich
  deutsch-französisch-luxemburgische  Unternehmen  Villeroy  &  Boch  eine
wiederum  abweichende,  seit  dem  frühen  19.  Jahrhundert  stark  christlich  verankerte
  Prägung  der  Betriebskultur.1"  In  Lothringen  wurden  die  deutschen
sozialpolitischen  Muster  durch  die  Grenzverschiebungen  besonders  in  den
Betrieben  der  Familie  de  Wendel  und  in  ihrer  Siedlungspolitik  rezipiert.  Laurent
Commaüle  betont  hier,  trotz  einer  relativen  Verstärkung  sozialer  Motive  nach
1900,  insgesamt  das  vorrangige  Gewicht  finanzieller  und  betriebswirtschaftlicher
Interessen.  Peter  Blickle  warnte  in  der  Diskussion  in  diesem  Zusammenhang
davor,  den  Begriff  der  Sozialdisziplinierung  aus  der  Forschung  zur  Frühen
Neuzeit  zu  voreilig  auf  diese  jüngere  Problematik  zu  übertragen,  wobei  Tenfelde
daran  erinnerte,  dass  die  “Herr-im-Hause”-Vorstellungen  im  Ursprung  ihrerseits
aus  der  Frühen  Neuzeit  stammten.
Ralf  Banken  zeigt  das  Verhältnis  der  höheren  und  leitenden  Angestellten  und
Beamten  zum  Staat  einerseits  und  zur  Privatwirtschaft  -  in  die  sie  teilweise  wechselten
  -  andererseits.  Die  Unterschiede  zwischen  der  Saar  und  manchen  anderen
Industrieregionen  aufgrund  der  dominanten  Staatsposition  im  Bergbau,  die  auf
den  ersten  Blick  evident  erscheinen,  relativiert  Banken  aufgrund  mancher  ähnlicher
  Verhaltensweisen,  die  erst  in  der  Detailanalyse  aufscheinen.
Nach  Erfahrung  und  Wandel  der  Lebenswelten  fragt  Clemens  Zimmermann
aufgrund  neuer  Quellen  aus  der  Industriefotografie  und  m  einer  ersten  Skizze  zu
einem  inzwischen  weit  gediehenen  Forschungsprojekt.  Hier  sind  die  spezifischen
  Perzeptionen  der  Unternehmer  zu  erschließen,  gelegentlich  auch  -  wenngleich
  viel  schwieriger  und  seltener  -  die  von  Angestellten  und  Arbeitern.  Die
komplexen  Interpretationskriterien  und  -bedmgungen  der  Fotografieanalyse
werden  hier  exemplarisch  herausgearbeitet.  Mit  unterschiedlichen  mterpretatonschen
  Ansätzen  gehen  Commaüle  und  Tenfelde  an  die  Frage  heran.  Das  Arbeiterwohnen
  wandelt  sich  unter  Außeneinflüssen,  die  mit  den  eigenen  regionalen
Traditionen  ineinander  greifen  (Commaüle).  In  Luxemburg10 11  wirkten  auf  diesem
Feld  untemehmensbedingte  deutsche  Einflüsse  noch  stärker  ein,  zumal  Luxemburg
  im  Zuge  seiner  Nationalstaatsbildung  ausländische  Modelle  besonders

10  Villeroy  &  Boch.  Ein  Vierteljahrtausend  europäische  Industnegeschichte  1748-1998.
Mettlach  1998;  Karl-Heinz  Gorges,  Der  christlich  geführte  Industriebetrieb  im  19.  Jahrhundert
  und  das  Modell  Villeroy  &  Boch.  Wiesbaden  1989  (=  Zs.  ftir  Untemehrnensgeschichte,
  Beiheft,  60).
11  Antoinette  Lorang,  Luxemburgs  Arbeiterkolonien  und  billige  Wohnungen  1860-1940.
Luxembourg  o.J.  [1994],  sowie  Denis  Scuto  in  der  Tagungsdiskussion.

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