Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Speziell  nach  1900  forderten  dann  aber  die  Bergbeamten  Lockerungen  und
Ausnahmen  im  Etatsystem,  um  auf  den  Märkten  flexibler  reagieren  zu  können.
So  forderte  z.B.  Herbig  in  einer  Untersuchung  über  die  Arbeiterpolitik  der
Bergwerksdirektion  Saarbrücken  wegen  der  Starrheit  des  Budgetwesens  und  der
starken  Abhängigkeit  des  Bergetats  von  der  allgemeinen  Finanzlage  des  Staates:
"Aufnahmen  von  Anleihen  für  produktive  Neuanlagen  und  Schaffung  eines
Ausgleichsfonds  sind  praktische  Wege,  die  einer  staatlichen  Betriebsverwaltung
wenigstens  einen  Teil  der  Beweglichkeit  geben,  die  jedes  wirtschaftliche  Unternehmen
  nötig  hat,  um  den  schnell  wechselnden  technischen  und  wirtschaftlichen
  Anforderungen  zur  rechten  Zeit  und  mit  dem  geringsten  Geldaufwand
gerecht  zu  werden.  Der  Weg  der  Anleihe  ist  vom  Bergfiskus  schon  beschritten
worden.  Hoffentlich  bringt  die  im  Laufe  der  diesjährigen  Etatsverhandlungen
bereits  in  Taten  umgesetzte  Erkenntnis,  daß  die  Eisenbahnverwaltung  einen
ausreichenden  Ausgleichsfond  nicht  entbehren  kann,  auch  der  kleineren,  aber
unter  ähnlichen  Etatsschwierigkeiten  arbeitenden  Verwaltung  der  Staatsbergwerke
  die  Aussicht  auf  eine  ähnliche  Einrichtung,  die  ihr  eine  erfolgreichere  Anpassung
  an  die  Schwankungen  der  Konjunktur  ermöglichen  würde.""

Investitionsentscheidungen  nach  1900
Die  strukturellen  Defizite  der  gesamten  Unternehmens-  und  Entscheidungsorganisation
  zwischen  Saarbrücken,  Bonn  und  Berlin  kann  man  dabei  besonders
  gut  anhand  der  Verwendung  der  Gewinne  für  Investitionen  aufzeigen.
Für  die  Höhe  der  Investitionen  war  nämlich  das  Finanzministerium  die  alles
entscheidende  Stelle,  was  zur  Folge  hatte,  dass  nicht  unternehmerische  Notwendigkeiten
  die  Investitionstätigkeit  bestimmten,  sondern  fiskalpolitische  Überlegungen.
  Tatsächlich  sanken  wegen  den  hohen  Überweisungen  an  den  Staatshaushalt
  die  Investitionen  der  Saarbrücker  Gruben  immer  weiter  ab,  was  die
Problematik  eines  Staatsbetriebes  und  dessen  Abhängigkeit  von  der  Politik  klar
deutlich  macht.
Für  die  nachlassende  Investitionstätigkeit  des  preußischen  Bergfiskus  gibt  es
eine  Reihe  von  Gründen.  Das  abnehmende  Wachstum  des  Kohlenbergbaus  im
Verlauf  der  zweiten  Jahrhunderthälfte  und  die  sinkende  Rendite  spielen  eine
gewisse  Rolle,57 58  erklären  jedoch  nicht  den  gesamten  Rückgang.  Neben  diesen
57  L.  Herbig,  Die  Löhne  im  staatlichen  Bergbau  bei  Saarbrücken,  in:  Conrads  Jahrbuch  für
Nationalökonomie  und  Statistik  39  (1910),  S.  1289-1324,  hier  S.  1318.
58  Zu  den  Daten  siehe  Banken,  Frühindustrialisierung  (Anm.  1),  Anhang  Tabelle  A53.  Zwar
spiegeln  die  Daten  der  Reihe  "Utensilien,  Neubauten,  Landerwerb  etc.  sowie  reservierte
Fonds"  in  Abbildung  4  nicht  die  gesamten  Investitionen  wieder,  da  in  anderen  Ausgabeposten
  der  unternehmensinternen  Aufstellungen  ebenfalls  Investitionen  versteckt  sein
können,  doch  dürften  diese  Summen  den  größten  Teil  der  Investitionsausgaben  enthalten.
Neben  den  aus  den  einzelnen  Ausgabeposten  errechneten  Investitionsausgaben  werden  in  der
Abbildung  noch  zwei  weitere  Datenreihen  wiedergegeben,  ln  der  Reihe  "Neubauten  und
reservierte  Fonds"  gehen  nur  die  Ausgaben  der  Bergwerksdirektion  für  Neubauten  und  die
reservierten  Fonds  ein.  Aufgrund  der  fast  identischen  Werte  und  Entwicklung  dieser  beiden

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