Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

tretungen.4''  Insgesamt  aber  begünstigten  die  Unternehmensstrukturen,  die  an
den  Vorbildern  und  Vorstellungen  staatlicher  Verwaltung  aus  der  Zeit  um  1850
orientiert  waren,  nach  1900  nicht  die  am  Markt  immer  stärker  geforderte  unternehmerische
  Dynamik  und  Flexibilität.  Aufgrund  der  Monopolposition  und
eines  wachsenden  Marktes  hatte  das  bürokratische  System  der  Bergbauverwaltung
  zwar  lange  Zeit  gute  Erfolge  vorzuweisen.  Gegen  Ende  des  19.  Jahrhunderts
  wurden  jedoch  die  Nachteile  deutlich,  als  mehrere  neue  Konkurrenten
im  lothringischen  Teil  der  Saarregion  entstanden  und  die  Konkurrenzreviere  in
die  bisher  unumstrittenen  Absatzgebiete  der  preußischen  Staatsgruben  vordrangen.
  Deswegen  sanken  deren  Marktanteile  kräftig  und  die  auf  Basis  der
Quasimonopolstellung  betriebene  unflexible  Absatz-  und  Hochpreispolitik  war
nicht  mehr  durchsetzbar.45 46  Obwohl  die  Saarbrücker  Beamten  nach  1900  diese
Hemmnisse  durchaus  erkannten,  gelang  es  ihnen  nicht,  den  politischen  Entscheidungsträgern
  die  für  die  Unternehmensentwicklung  notwendigen  Gelder
abzuringen  oder  die  Organisationsstrukturen  an  die  neuen  Bedingungen  anzupassen.
  Vielmehr  diente  die  Saarbrücker  Direktion  sogar  als  Vorbild  für  die
Schaffung  einer  Bergwerksdirektion,  für  den  fiskalischen  Kohlenbergbau  in
Oberschlesien  1892  und  an  der  Ruhr  1903.4  Die  Unfähigkeit,  die  Verwaltungsstruktur
  zu  ändern,  zeigt  sich  des  Weiteren  in  der  Tatsache,  dass  die  Bergwerksdirektion
  bzw.  die  Berginspektion  bis  1892/1893  gleichzeitig  neben  ihrer
unternehmerischen  Leitung  der  Staatsgruben  die  bergpolizeiliche  Aufsicht  über
ihre  eigene  Arbeit  besaß.  Obwohl  dieses  Problem  lange  bekannt  war  und  immer
wieder  diskutiert  wurde,  schaffte  man  es  von  1857  bis  1892  nicht,  diese  Regelung
  zu  ändern.48

Die  Folgen  der  Etatisierung  für  die  Unternehmensführung
Neben  den  Entscheidungen  und  Vorgaben  der  Vorgesetzten  band  die  etatistische
  Betriebsführung  die  Saarbrücker  Bergbeamten  in  ihren  Entscheidungen.
Auch  nach  1850  wurden  auf  den  Generalbefahrungen  jährliche  Betriebs-  und
Ökonomiepläne  verabschiedet,  die  bindend  waren  und  von  denen  nur  mit
ministerieller  Genehmigung  abgewichen  werden  durfte.  Abgesehen  davon,  dass
die  Betriebsführung  der  staatlich-preußischen  Saarkohlengruben  nach  etati-45

  Siehe  hierzu  Bernd  Mayer,  Die  Vertrauensmännerausschüsse  auf  den  preußischen  Steinkohlegruben
  an  der  Saar.  Entstehung  und  Wirken.  Frankfurt  am  Main  1996;  Klaus-Michael
Mallmann,  Horst  Steffens,  Lohn  der  Mühen.  Geschichte  der  Bergarbeiter  an  der  Saar.
München  1989,  S.  75-80;  Klaus-Michael  Mallmann,  Die  Anfänge  der  Bergarbeiterbewegung
an  der  Saar  (1848-1904).  Diss.  Saarbrücken  1981,  S.  180-189,  205-207  und  316-327.
46  Banken,  Take-Off-Phase  (Anm.  6),  S.  185-189.
47  So  wurde  1892  in  Zabrze  (Hindenburg)  eine  Bergwerksdirektion  errichtet  und  1903
erfolgte  die  Gründung  einer  Bergwerksdirektion  zur  Verwaltung  der  staatlichen  Ruhrzechen,
die  1905  nach  Recklinghausen  verlegt  wurde.
48  Dagegen  hatte  man  die  Oberaufsicht  über  den  privaten  Bergbau  an  der  Saar  schon  mit  der
Auflösung  des  Bergamtes  auf  das  Oberbergamt  Bonn  übertragen.  Klein  (Anm.  8),  S.  104-106.


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