wenig verwunderlich war, dass wegen ausbleibender Saarbrücker Gewinne 1910
ein Untersuchungsausschuss im Landtag eingesetzt wurde.43
Selbstverständlich gibt die hier beschriebene behördliche Organisation der
Staatsgruben nicht die ganze Realität wieder. Sowohl durch die Vorbereitung
der Entscheidungen an der Saar als auch durch den strategischen Wissensvorsprung
der Saarbrücker Beamten basierten viele Entscheidungen durchaus auf
der Meinung der Bergwerksdirektion. Es gibt auch für die Zeit nach Sello
Beispiele dafür, dass sich die Saarbrücker Leitung gegen Vorgaben und Entscheidungen
aus Bonn und Berlin wehrte und sich durchsetzte. Beispielhaft ist
das Zögern, Maßnahmen zur Weiterveredelung der Kohle im Staatsbergbau
einzuführen. Lange Zeit wurden eine wachsende eigene Koksproduktion oder
andere Veredelungsarten (Wäschen) von Berlin abgelehnt, da dieses nicht nötig
sei und man sich staatlicherseits besser auf die reine Kohlenförderung konzentrieren
solle. Erst durch den verstärkten Druck der Nachfrage und Wettbewerber
wurden die Veredelungsmaßnahmen dann nach 1890/1900 langsam und sukzessive
eingefuhrt bzw. verstärkt, wobei sich die Bergwerksdirektion hiermit bei
den höheren Behörden aber nur schwer durchsetzte. So wurden erst nach längeren
Diskussionen unter von Velsen als Vorsitzendem der Bergwerksdirektion
Saarbrücken die ersten Wäschen für nicht zu verkokende Kohlen angeschafft,
wie dieser 1919 rückblickend beschrieb: "Ich kann meinerseits sagen: Ich habe
gegen meinen Vorgänger [im Berliner Ministerium, R. B.], Herrn Oberberghauptmann
Freund jahrelang wie ein Löwe gekämpft, um die erste Wäsche
durchzudrücken. Er wollte es nicht. Er sagte: solange ich die Kohlen so los
werde, werde ich nicht waschen. Die ganzen Wäschen sind seinerzeit auf meine
Veranlassung hin gebaut worden. Ich gebe zu: man hat damals auf dem Standpunkt
gestanden, den ganzen Betrieb tunlichst einfach zu gestalten, bloß die
Kohlen aus der Erde herauszuholen, und alles übrige dann der Privatindustrie
zu überlassen. Von diesem Standpunkte sind wir allerdings abgekommen, aber
ich kann erklären, daß wir in bezug auf die Wäschen naturgemäß der Privatindustrie
gefolgt sind."44
Auch in anderen Fällen setzte sich die Saarbrücker Untemehmensführung gegenüber
den Vorgesetzten Behörden durch. Auch unterlief man zeitweise deren
Vorgaben, beispielsweise nach 1890 hinsichtlich der Arbeitnehmerver¬43
So schrieb Herring (Anm. 42), S. 36 noch im Jahre 1914: "Aber trotzdem erregte der
Rückgang der staatlichen Bergwerksverwaltung, der sich seit 1900 bemerkbar machte, in
wachsendem Maße die Aufmerksamkeit des Abgeordnetenhauses, bis 1910 eine Unterkommission
der Budgetkommission mit dem Auftrag betraut wurde: "Zu prüfen, in welcher
Weise die staatliche Bergwerksverwaltung, unbeschadet ihrer sozial-politischen und volkswirtschaftlichen
Aufgaben, einträglicher als bisher gemacht werden kann und über das
Ergebnis der Untersuchungen der Budgetkommission einen schriftlichen Bericht zu erstatten."
Zum Verlauf der Diskussion um die schlechten wirtschaftlichen Ergebnisse des
Staatsbergbaus siehe: Schulz-Briesen (Anm. 2), Bd. 2, S. 59-75.
44 Verhandlungen der Sozialisierungs-Kommission über den Kohlenbergbau im Jahre Ende
Dezember 1918/Januar 1919. Berlin 1920, S. 356.
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