Bergbau viele an das Verhalten "der Preußen" in der Hochindustrialisierung
erinnert. Das trug nach dem II. Weltkrieg nicht unwesentlich dazu bei, dass die
anfangs breite politische Basis der Regierungen von Johannes Hoffmann und
der französischen Aufsichtsverwaltung unter Gilbert Grandval trotz einer der
Bundesrepublik sachlich überlegenen Sozialpolitik vor allem in der Familien-,
Sozialversicherungs- und Kriegsopferpolitik seit Anfang der 1950er Jahre im
Arbeitermilieu rapide schrumpfte, bis eine Zwei-Dnttel-Mehrheit der Abstimmenden
am 23. Oktober 1955 gegen das vorgeschlagene europäische - und faktisch
weiterhin nicht unwesentlich französisch geprägte - Statut stimmte: Perzeptionen,
kulturelle Erfahrungen und transnationale Prozesse können nicht nur synchron,
sondern auch diachron ineinander fließen und politisch wirksam werden.9
Langfristige Hintergründe solcher Perzeptionen zeigen für die "preußische" Seite
Ralf Banken und Klaus Tentelde auf.
Das Spannungsverhältnis zwischen nationalen Traditionen und transnationalen
Strukturen ist im Gewerkschaftsbereicb besonders augenfällig. Die Leistungen
des Interregionalen Gewerkschaftsrates für den Raum Saar-Lor-Lux (Sylvain
Schumann) zeigen die transnationale Dynamik der Region. Zugleich jedoch ist
er ein wichtiges Beispiel dafür, dass die Basis für eine solche transnationale
Politik bei den Arbeitnehmern, die sich vielfach auch als Konkurrenten im Zuge
der Ansiedlung neuer Industrien sehen müssen, alles andere als selbstverständlich
ist. Eine gememsame industrielle Vergangenheit und Erfahrungswelt bedeutet
keineswegs ohne weiteres eine gemeinsame Wahrnehmung der industriellen
Umgebung und eine gemeinsame Politik in einer Krise, die für alle existenzbedrohend
wird: als "'nationaliser' l'approche transfrontalière" charakterisiert Schumann
eine Tendenz französischer Gewerkschafter auch bei der Schaffung transnationaler
Strukturen.
Auf der Verwaltungsebene gehören die transnationalen kulturellen Gegensätze
und die eben nicht nur sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten zum ständigen
Alltag - wenngleich sie, wie während der Diskussionen von verantwortlichen
Ressortleitern berichtet, oft mehr auf der Ebene der Politiker als der Beamten
wirksam sind.
Der Vergleich mit Lothnngen, Luxemburg und der Ruhr steht in diesem Buch
im Vordergrund, Oberschlesien und Industrieregionen in anderen Ländern
werden m unterschiedlichen Zusammenhängen knapper angesprochen.
Wie weit trägt der interregionale Vergleich? Ein Raum wie die Saar oder die Ruhr
ist teilweise ein Exempel für allgemeinere Probleme, wie Klaus Tenfelde sie für
die Untemehmensführung herausarbeitet. Die Grenzlage der Saar und Lothringens,
die Kleinräumigkeit Luxemburgs, welche das ganze Land strukturell in
eine Art Grenzlage bringt, und die Rohstoff- und Verkehrsstruktur bedingen
9 Zum Saarland in dieser Hinsicht grundlegend: Armin Heinen, Saaijahre. Politik und
Wirtschaft im Saarland 1945-1955. Stuttgart 1996.
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