Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

Die fortschreitende Erhöhung der Roheisen-Produktionskapazitäten der Neun- 
kircher und Völklinger Tochterwerke warf unweigerlich die entscheidende Frage 
der Gichtgasnutzung und des hiermit verknüpften Ausbaus der Roheisen¬ 
produzenten zu integrierten lothringischen Hüttenwerken auf. Zu Ende des 
ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts waren so genannte reine Hochofenwerke 
im Minette-Revier endgültig passé, hingen diese Werke doch sprichwörtlich "in 
der Luft", da sie ihre Gichtgasüberschüsse nicht produktionsbezogen verwen¬ 
den konnten. Demzufolge stellte die Revolution auf dem Gebiet der Brennstoff¬ 
ökonomie gerade die Saarindustriellen, welche die produktionsstärksten nicht 
integrierten Hütten des gesamten Minettegebiets betrieben, langfristig vor eine 
zwingende Entscheidung: schwerpunktmäßige Verlagerung an die Mosel oder 
Positionsfestigung an der Saar. Erwiesenermaßen planten sowohl 
Stumm/Neunkirchen als auch Röchling/Völklingen den Ausbau ihrer loth¬ 
ringischen Tochterwerke zu integrierten Hütten, nur die heraufziehende Kriegs¬ 
gefahr hielt sie zunächst davon ab, diese Pläne zu verwirklichen. Übrigens sollte 
Röchling im Kriegsjahr 1917 dennoch den Ausbau der Carlshütte bei Dieden- 
hofen zu einem integrierten Werk in Angriff nehmen, wenngleich dies mit 
widerrechtlich konfiszierten französischen Anlagen vonstatten ging. 
Das Kriterium der Brennstoffökonomie führt also zu einer differenzierten Sicht 
der Entwicklung der Eisen- und Stahlindustrie an der Saar nach 1900. Die 
Hypothese einer tendenziellen schwerpunktmäßigen Verlagerung von Produk¬ 
tionskapazitäten an die Mosel ist unternehmensgeschichtlich relevant, keines¬ 
wegs darf sie jedoch auf die Saareisenindustrie insgesamt bezogen werden: 
Während Burbach und Dillingen sich für den Verbleib bzw. die Rückkehr der 
Roheisenproduktion an die Saar entschieden, gingen Stumm/Neunkirchen und 
Röchling/Völklingen um die Jahrhundertwende resolut den Ausbau der Hoch¬ 
ofenkapazitäten ihrer Tochterwerke im Minetterevier an. Aus wärmewirtschaft¬ 
lichen Erwägungen heraus wäre der Ausbau dieser Tochterwerke im Falle eines 
deutschen Sieges im Ersten Weltkrieg eine produktionstechnische Notwendig¬ 
keit geworden.42 
42 Zur Standortdiskussion allgemein, siehe u.a. Max Schlenker, Das Eisenhüttenwesen in 
Elsaß-Lothringen, in: Das Reichsland Elsass-Lothringen 1871-1918. Bd. 1: Die wirtschaft¬ 
liche Entwicklung Elsass-Lothringens 1871 bis 1918, hrsg. von Max Schlenker. Frankfurt am 
Main 1931, S. 190; R. E. Latz, Die saarländische Schwerindustrie und ihre Nachbarreviere 
(1878-1938). Technische Entwicklung, wirtschaftliche und soziale Bedeutung. Saarbrücken 
1985, S. 31; Markus Nievelstein, Der Zug nach der Minette. Deutsche Unternehmen in 
Lothringen (1871-1918). Handlungsspielräume und Strategien im Spannungsfeld des deutsch¬ 
französischen Grenzgebietes. Bochum 1993, S. 266-268; Ralf Banken, Die Industrialisierung 
der Saarregion 1815-1914. Bd. 2: Take-off-Phase und Hochindustrialisierung 1850-1914. 
Stuttgart 2003. 
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