Full text: Forschungsaufgabe Industriekultur

Die Aufgabe des Standortes Esch-Schifflingen, in direkter Nähe zu Bergwerken 
mit ausgezeichneter Minetteerzqualität gelegen, wurde kaum erwogen. Blieb also 
nur eine Neubestimmung des Hüttenstandortes, die auf den Ausbau und die 
Modernisierung der Anlage hinauslief. Der von der Unternehmensleitung der 
Burbacher Hütte erarbeitete erste Modernisierungsplan sah die erweiterte Nut¬ 
zung der Gichtgase für den Betrieb eines Stahlwerkes und eines Walzwerkes für 
Handelseisen vor. Dieser Plan zeichnet sich vor allem durch seine Bescheiden¬ 
heit aus, offensichtlich war er darauf angelegt, die Investitionskosten möglichst 
niedrig zu halten. Dies wird durch die Tatsache bestätigt, dass der Plan vorgab, 
die modernisierte Hütte im Ein-Schicht-Modus zu betreiben. 
Gerade an diesem Punkt setzte der Düdelinger Hüttendirektor Emile Mayrisch, 
den man um ein Gutachten zu Weisdorffs Modernisierungsplan gebeten hatte, 
den Hebel an, um die Aufsichtsräte der drei Unternehmen für den von Gaston 
Barbanson und ihm selbst ausgearbeiteten weit reichenden Fusionsplan ein¬ 
zuvernehmen. ln seinem Gutachten betonte E. Mayrisch die in seinen Augen 
übergeordnete Bedeutung der Gichtgasfrage und stellte fest, dass der vorge¬ 
schlagene Ein-Schichtbetrieb auch weiterhin die Hälfte der Gichtgase in die Luft 
entweichen ließ.35 Mayrischs Hauptkritik richtete sich gegen die Nichtbeachtung 
des Wertes der Hochofengase bei der Berechnung der zu erwartenden Betriebs¬ 
ergebnisse - demzufolge eine Unterschätzung der Gewinnhypothesen. Mayrisch 
pochte auf die korrekte Einberechnung des Hochofengaswertes in den Ge- 
stehungspreis des Endfabrikats - dies musste seiner Meinung nach genau so 
sorgfältig in Rechnung gestellt werden wie Koks- und Kohlenkosten. Der 
künftige Generaldirektor des ARBED-Konzerns hielt den Burbacher Urhebern 
des ersten Modemisierungsplanes vor, durch den Ein-Schicht-Modus bei Nicht¬ 
nutzung der Hälfte der Gichtgase einen Verlust von 0,475 Fr pro t Roheisen, 
oder 5,41 Fr pro t Endfabrikat in Kauf zu nehmen. Mayrisch schlug seinerseits 
vor, die Hütte Schifflingen zu einem großen integrierten Werk mit bedeutend 
erweiterten Produktionskapazitäten im Zwei-Schicht-Betrieb auszubauen, diesmal 
unter vollständiger Nutzung der Gichtgase. Die Relationen zwischen dem 
Burbacher Plan und Mayrischs Gegenentwurf stellen sich, vereinfacht, wie folgt 
dar: Infolge einer von Mayrisch vorgeschlagenen initialen Investitionserhöhung 
von 3.500.000 Fr sollte der Gestehungspreis pro t Endfabrikat um 13 Fr pro t 
(annähernd 20%) abgesenkt, das Gesamt-Nettoergebnis der Hütte jedoch ver¬ 
achtfacht werden (von annähernd 327.000 Fr (Burbach) auf 2.455.000 Fr pro 
Jahr (Mayrisch). 
Letztendlich gelang es Mayrisch, sein Modernisierungskonzept für Esch-Schiff- 
lingen durchzusetzen. Die Mehraufwendungen an Investitionskapital konnten 
jedoch definitiv nicht mehr aus Eigenmitteln bestritten werden, so wie dies seit 
jeher für die Unternehmen der Metz-Tesch-Gruppe, die wie Burbach oder Metz & 
35 Gutachten E. Mayrisch, "L'Aciérie d'Esch", datiert vom 22.11.1910, 20 S. und 37 S. 
Anlagen (AlLux SDTB). 
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