Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Festlegung  und  die  Hierarchisierung  von  Produktionsstandorten  einen  Einfluss
ausübte.

Hierarchisierung  und  Spezialisierung  der  Hüttenstandorte:  Das  Beispiel
Differdingen-Rümelingen-St.  Ingbert
Die  Begeisterung  für  technische  Innovation  und  Modernisierung  hatte  die
Differdinger  Unternehmensleitung  unter  Führung  der  Ingenieure  Paul  Wurth
und  Max  Meier  offensichtlich  etliche  elementare  betriebswirtschaftliche  Gegebenheiten
  vergessen  lassen.  Aufgrund  des  unaufhaltsamen  Um-  bzw.  Ausbaus  der
Differdinger  Betriebsanlagen,  der  zum  Teil  gleichzeitig  erfolgten  Erprobung
neuartiger  Produktionsanlagen  und  Produktionsverfahren  -  sei  es  die  Nutzung
und  Reinigung  der  Hochofengase  für  den  Gichtgasmotorenbetrieb,  die  fortschreitende
  Elektrifizierung  der  Betriebe,  die  sehr  kostspielige  Erprobung  des
neuen  Grey-Träger-Walzverfahrens  -  hatte  die  Unternehmensleitung  einen  immensen
  Schuldenberg  angehäuft,  der  dem  Unternehmen  beim  Konjunkturumschwung
  des  Jahres  1901  das  Genick  brechen  sollte.  Um  den  Konkurs
abzuwenden,  wurde  eine  deutsche  Auffanggesellschaft  gegründet,  die  Deutsch-Luxemburgische
  Bergwerks-  und  Hütten  AG,  die  ab  1905  unter  der  Führung
des  Industriellen  Hugo  Stinnes  zu  einem  der  bedeutendsten  deutschen  Montankonzerne
  ausgebaut  wurde.  Ihre  wichtigste  Erweiterung  im  saar-lothringischluxemburgischen
  Raum  erfuhr  die  Deutsch-Lux  im  Jahr  1911,  als  sie  mittels
eines  so  genannten  Interessengemeinschaftsvertrags  das  luxemburgische  Hüttenunternehmen
  Rümelingen-St.  Ingbert  übernahm.
Dieses  Unternehmen  war  1905  aus  der  Fusion  der  Rümelinger  Hochofengesellschaft
  mit  dem  Eisenwerk  Krämer  in  St.  Ingbert  hervorgegangen.  Direkt  auf  der
Minette  errichtet,  galt  Rümelingen  lange  Zeit  als  eines  der  gewinnbringendsten
Hochofenwerke  des  lothringisch-luxemburgischen  Minette-Reviers.  Aufgrund
örtlicher  Gegebenheiten  war  der  Ausbau  des  reinen  Hochofenwerks  zu  einer
integrierten  Hütte,  und  somit  die  Nutzung  der  Hochofengichtgase  zur  Weiterverarbeitung
  im  Betrieb  jedoch  nicht  möglich.  Mit  dem  erklärten  Ziel,  das  in  den
eigenen  Hochöfen  im  luxemburgischen  Rümelingen  und  im  lothringischen
Öttingen  erschmolzene  Roheisen  im  Unternehmen  selbst  gewinnbringend
weiterzuverarbeiten,  fusionierte  die  Rümelinger  Hochofengesellschaft  damals  mit
dem  reinen  Stahl-  und  Walzwerk  in  St.  Ingbert,  einem  Unternehmen,  das  sich
seinerseits  aus  der  zunehmend  als  belastend  empfundenen  Abhängigkeit  vom
Lothringisch-Luxemburgischen  Roheisensyndikat  befreien  wollte."  Wenn  auch
das  Vorhaben,  das  Stahlwerk  in  St.  Ingbert  mit  Rümelinger  Roheisen  zu  versorgen,
  Sinn  machte,  da  sich  beide  Unternehmen  aus  der  Abhängigkeit  des

33 Wolfgang  Krämer,  200  Jahre  Eisenwerk  St.  Ingbert  1735-1933.  Speyer  1933
(=  Veröffentlichungen  der  Pfälzischen  Gesellschaft  zur  Förderung  der  Wissenschaften;  22),
S.  139-144.

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