Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Lothringer  Hochöfen  verhüttet  wurden.24 25  Art  und  Menge  des  Gichtstaubs  ist  in
der  Tat  von  der  Zusammensetzung  der  Beschickung  und  der  im  Hochofen
herrschenden  Temperatur  abhängig.  Zinkische  Erze  und  solche  Erze  und  Zuschläge,
  welche  beim  Niedergang  im  Hochofen  verhältnismäßig  rasch  zerfallen,
liefern  reichliche  Mengen  von  Staub.  Kalkreiche  Beschickungen,  deren  Kalkgehalt
  beim  Brennen  in  Pulver  zerfällt,  liefern  daher  staubreiche  Gase.2s  Besonders
  unvorteilhaft  in  dieser  Beziehung  erwies  sich  nun  manche  Minette
Luxemburgs  und  Lothringens,  bei  deren  Verhüttung  sehr  erhebliche  Mengen
von  Staub  durch  den  Gasstrom  geführt  wurden.
Die  Wirkung  dieses  feinen  leichten  Staubgehaltes  in  den  Gasen  hatte  man
sowohl  bei  Cockerill  als  auch  in  Differdingen  offensichtlich  unterschätzt.  Als
anerkannter  Fachmann  hatte  schon  Direktor  P.  Gredt  Sorge  dafür  getragen,  dass
auf  der  Differdinger  Hütte  genügend  Einrichtungen  zur  Ausscheidung  des
groben,  schweren  Staubes  vorhanden  waren.  Auch  hatte  die  beim  Betrieb  mit
einer  60pferdigen  Otto-Deutz-Gasmaschine  anfallende  Staubmenge  keine  nennenswerten
  Schwierigkeiten  bereitet.  Auf  diese  Erfahrungen  aufbauend,  und  weil
Cockerill  annahm,  dass  seine  entsprechend  umkonstruierten  Gasmaschinen  den
restlichen  Staub  mit  dem  Auspuff  ausstoßen  würden,  hatte  die  Differdinger
Unternehmensleitung  schließlich  neun  Gasmaschinen  von  je  600  PS  in  Seraing
bestellt.  Als  dann  auch  noch  ein  zur  Entstaubung  angeschaffter  Zentrifugal-Gasreiniger
  System  Theisen  seine  Dienste  in  regelmäßigem  Betrieb  versagte,26
sah  sich  die  Differdinger  Werksleitung  mit  einer  Katastrophe  größeren  Ausmaßes
konfrontiert,  da  die  Hütte  bekanntlich  auf  keine  ausreichende  Dampfkesselanlage
  als  Ersatzlösung  zurückgreifen  konnte.  Um  der  andauernden  Störungen
des  Hochofenbetriebes  sowie  der  beklagenswerten  Produktionsausfälle  Herr  zu
werden,  musste  schnellstmöglich  eine  Lösung  gefunden  werden.
Die  Hütte  war  nun  vor  die  Aufgabe  gestellt,  das  Hochofengas  vom  feinen
Gichtstaub  zu  befreien.  Von  den  Herbstmonaten  des  Jahres  1900  bis  zum  Monat
Februar  1901  versuchten  die  verantwortlichen  Ingenieure  der  Gasmotorenzentrale
  und  des  technischen  Konstruktionsbüros  unter  der  Leitung  von  François
Brunner  und  Godefroi  Kuna  fieberhaft,  die  Probleme  der  Fehlzündungen,  des
unregelmässigen  Betriebes,  des  zu  hohen  Schmierölverbrauchs  und  der  Wasserkühlung
  der  Kolben  in  den  Griff  zu  bekommen.  Letztendlich  waren  jedoch  alle
Schwierigkeiten  auf  das  Gichtstaubproblem  zurückzuführen.  Die  Lösung  dieser
Gasreinigungsfrage  zeigt  nun  einmal  mehr,  wie  durch  Zufall  eine  wichtige

24  Dieser  Umstand  wurde  auch  von  Emile  Hiertz,  Direktor  der  Hochofenabteilung  in  Seraing,
  in  der  Versammlung  des  VDEh  vom  24,  März  1901  hervorgehoben.  Vgl.  Stahl  und
Eisen  19(1899),  S.  530.
25  Ledebur  (Anm.  1),  S.  87.
26  Um  die  Jahrhundertwende  war  der  von  Eduard  Theisen  entwickelte  Zentrifugal-Gasreiniger
  offensichtlich  noch  nicht  voll  einsatzfahig.  Nach  Auffassung  von  Fritz  Lürmann
waren  Teile  dieser  Zentrifuge  weder  gut  durchkonstruiert  noch  vortrefflich  ausgeführt.  Vgl.
Stahl  und  Eisen  21  (1901),  S.  438.

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