Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

wird  die  gesammte  technische  Welt  mit  Spannung  einem  Berichte  berufener
Fachleute  über  die  erste  größte  Anlage  auf  dem  Eisenhüttenwerke  in  Differdingen,
  welche  ausschließlich  mit  Maschinen  dieses  Eincylinder-Types  läuft,
entgegensehen."20

Differdingen  löst  das  Problem  der  Gichtgasreinigung
In  Seraing  und  in  Paris  war  der  Betrieb  anstandslos  gewesen,  doch  als  die
Gasmaschinen  in  Differdingen  aufgestellt  wurden,  versagten  sie.  Der  kontinuierliche
  Betrieb  erwies  sich  als  unmöglich,  zeitweilig  traten  Frühzündungen  auf,
und  immer  wieder  setzten  die  Maschinen  aus.  Außerdem  war  ein  sehr  hoher
Schmierölverbrauch  zu  verzeichnen.21  Nach  Angaben  von  Zeitzeugen  soll  der
Gasmaschinenbetrieb  in  der  ersten  Zeit  einen  unbeschreiblichen  Höllenlärm,  ein
andauerndes  Krachen  und  Rattern  verursacht  haben,  das  man  angeblich  bis  auf
zehn  Kilometer  in  der  Runde  hören  konnte.22
Was  war  die  Ursache  dieser  fortlaufenden  Störungen  des  kontinuierlichen
Gasmaschinenbetriebes?  Einzig  und  allein  der  hohe  Gehalt  an  feinem  leichtem
Staub  im  Gichtgas.  Dieser  feine  Gichtgasstaub  setzte  sich  zwischen  die  Zylinderwandungen
  und  die  Kolben  fest  und  nutzte  die  Kolben  in  kurzer  Zeit  ab.23
Cockerill  hatte  behauptet,  eine  vorherige  Reinigung  des  Gases  sei  nicht  nötig,
wobei  der  Hersteller  sich  allerdings  auf  das  Gichtgas  der  Hochöfen  in  Seraing
berief.  Es  stellte  sich  alsbald  heraus,  dass  diesbezüglich  der  Eisenerzqualität  eine
besondere  Bedeutung  zukam.  Die  Hochöfen  von  Cockerill  wurden  nämlich
vornehmlich  mit  spanischen  Harteisensteinsorten  beschickt,  die  viel  weniger
Staub  aufwiesen  als  die  porösen  Minetteerze,  die  in  den  Luxemburger  und

20  Brief  Max  Münzel  an  die  Redaktion  von  Stahl  und  Eisen,  vom  12.September  1900,  in:
Stahl  und  Eisen  20  (1900),  S.  1006.
21  Wurth  (Anm.  14);  Fritz  W.  Lürmann,  Weitere  Fortschritte  in  der  Verwendung  der
Hochofengase  zur  unmittelbaren  Krafterzeugung,  in:  Stahl  und  Eisen  21  (1901),  S.  433-459
u.  ders.,  Die  Reinigung  der  Hochofengase,  in:  Stahl  und  Eisen  21  (1901),  S.  619  f;  Karl
Reinhardt,  Die  Verwendung  von  Großgasmaschinen  in  deutschen  Hütten-  und  Zechenbetrieben,
  in:  Stahl  und  Eisen  26  (1906),  S.  908.
22  Historique  de  l'usine  de  Rodange  par  B.  Steinborn.  Teil  11,  S.  21-27  (AILux  MMR-I91).
Anfängliche  Schwierigkeiten  ergaben  sich  auch  bei  der  Wasserkühlung  der  Zylinderkolben.
Der  Verbrauch  an  Kühlwasser  für  die  Hochofen-Gasmaschinen  betrug  in  Differdingen  60cbm
für  600  PS  in  der  Stunde,  d.h.  auf  1  PS  errechnete  man  101.  Davon  entfielen  81  auf  die
Kühlung  des  Kolbens.  Die  Ingenieure  der  Gasmaschinenzentrale  stellten  fest,  dass  das
Wasser  für  die  Kolbenkühlung  immer  mindestens  einen  Druck  von  4Atm  haben  musste,  da
sonst  durch  die  Schleuderbewegung  die  Wassersäule  abgerissen  und  somit  die  Kühlung
unterbrochen  wurde.  Auch  infolge  der  Nichtbeachtung  dieses  Umstandes  sind  anfänglich
beim  Betrieb  der  Maschinen  in  Differdingen  Schwierigkeiten  entstanden.
23  An  der  Gasmaschine  Nr.  V,  der  ersten  der  in  Differdingen  in  Betrieb  genommenen
Gichtgas-Gebläsemaschinen,  mussten  schon  im  März  1901  der  Kolben  ausgewechselt  werden
und  mehrere  andere  größere  Reparaturen  durchgeführt  werden.  Durch  den  außerordentlich
hohen  Staubgehalt  der  nicht  durch  den  Ventilator  gereinigten  Gase  hatten  sowohl  der
Kolben  als  auch  der  Zylinder  stark  gelitten.  Vgl.  Karl  Gruber,  Hochofengas  als  alleinige
Betriebskraftquelle  eines  modernen  Hüttenwerks,  in:  Stahl  und  Eisen  24  (1904),  S.  9-14.

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