Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

wohl  zu  dem  damaligen  Zeitpunkt  keine  einzige  Hütte  Europas  im  Energieverbundsystem
  betrieben  wurde.  In  dieser,  wie  in  anderen  produktionstechnischen
  Angelegenheiten,  wurden  die  Differdinger  Ingenieure  vor  gewaltige
Herausforderungen  gestellt.  Vielleicht  gibt  die  Euphorie  dieser  Jahre  der  Hochkonjunktur
  1898-1899  eine  annehmbare  Erklärung  für  den  Wagemut  der  Differdinger
  Unternehmensleitung  ab.
Nachdem  John  Cockerill  zunächst  im  Jahr  1898  einen  200  PS  Gasmotor  gebaut
hatte,  nahm  der  Lütticher  Maschinenbauer  im  Frühjahr  1899  die  Konstruktion
eines  600  PS  Viertaktgasmotors  nach  dem  System  Delamare-Deboutteville  und
Cockerill  in  Angriff.  Dieser  Gasmotor  erregte  damals  besonderes  Interesse,  weil
das  Konstruktionsprojekt  vorsah,  die  gesamte  Kraft  in  einem  einzigen  Zylinder
zu  entwickeln  und  an  der  durchgehenden  Kolbenstange  unmittelbar  die  Gebläsemaschine
  anzuhängen.  Die  Maschine  stellte  einen  wesentlichen  Fortschritt  dar
hinsichtlich  der  Problemlösung  des  unmittelbaren  Antriebs  von  Gebläsemaschinen
  sowie  der  Frage,  bis  zu  welchen  Zylindergrößen  mit  Vorteil  einzylindrige
Viertaktmaschinen  zu  bauen  waren.1  Im  Beisein  von  Paul  Wurth  kam  der  Prototyp
  der  von  Differdingen  bestellten  Hochofengasmotoren  am  20.  November
1899  in  Seraing  auf  die  Versuchsbank  und  wurde  anschließend  im  darauf
folgenden  Frühjahr  1900  auf  der  Weltausstellung  in  Paris  gezeigt,  wo  der  Motor
allerdings  mit  Leuchtgas  lief.17 18
Ende  Juli  desselben  Jahres  wurden  schließlich  die  drei  ersten  von  Cockerill
gelieferten  Gasmotoren  auf  der  Differdinger  Hütte  in  Betrieb  genommen  und  zwar
zwei  Gebläsemaschinen  und  eine  Maschine  zur  Erzeugung  elektrischer  Kraft.
Nach  Aussage  des  Hüttendirektors  Max  Meier  hatte  die  Montage  der  kolossalen
Gasleitungen  und  der  Reinigungseinrichtungen  "gar  nicht  zu  beschreibende
Schwierigkeiten  und  Verspätungen  verursacht".19  Am  7.  August  1900  wurde  der
neu  errichtete  Differdinger  Hochofen  Nr.  III  mit  einer  Gichtgas-Gebläsemaschine
in  Betrieb  genommen,  eine  Premiere  in  der  europäischen  Eisen-und  Stahlindustrie.
Die  erstmalige  Inbetriebnahme  einer  Gesamtanlage,  genauso  wie  die  Bewährungsprobe
  großer  Einzylinder-Viertaktmotoren  im  Betrieb,  wurden  in  Fachkreisen
  offensichtlich  mit  der  größten  Aufmerksamkeit  verfolgt,  wie  ein  Brief
von  Max  Münzel,  Direktor  der  Gasmotorenfabrik  Deutz,  an  die  Redaktion  von
Stahl  und  Eisen  bekundet:  "Ebenso  wie  die  Veröffentlichungen  der  Versuche
und  einzelner  Daten  der  600pferdigen  Eincylinder-Cockerill-Maschine,  welche
in  unzweifelhafter  Weise  von  bekannten  Autoritäten  gegeben  wurden,  einen
Vergleich  mit  anderen  in  der  Praxis  eingeführten  Hüttengasmaschinen  gestattete,

17  Eugen  Meyer,  Versuche  an  der  600  P.S.  Gichtgasmaschine  mit  Gebläse,  System  Delamare
Deboutteville  und  Cockerill  in  Seraing,  in:  Stahl  und  Eisen  20  (1900),  S.  721-729.
18  Vgl.  Hochofengasgebläse  für  Differdingen,  in:  Stahl  und  Eisen  20  (1900),  S.  34-36  (mit
Abb.);  Wurth  (Anm.  14).
19  Protokoll  der  Sitzung  des  Verwaltungsrats  der  AG  Differdingen-Dannenbaum  vom
28.7.1900  und  Bericht  Max  Meier  an  den  Verwaltungsrat,  S.  2  (BBA  40/195).

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