Mitte der 1890er Jahre hielt auch Adolphe Greiner, Generaldirektor der belgischen
Firma John Cockerill in Seraing,11 den Zeitpunkt für gekommen, die
Entwicklung und Erprobung einer Alternative zum Dampfantrieb, nämlich die
Nutzung der Gichtgase im Gasmotor anzugehen. Mit dem erklärten Ziel, die
zeitaufwendige und kostspielige Konstruktion eines neuen Gasmotors auszusparen,
bauten Cockerills Ingenieure Bailly und Kraft im Jahr 1895 einen
kleinen bereits erprobten Gasmotor des Systems 'Simplex' von etwa 8 PS Leistungsstärke
auf Gichtgasantrieb um. Bei dieser Versuchsmaschine handelte es
sich um einen Viertakt-Gasmotor der Marke 'Simplex', gebaut von den französischen
Motorenkonstrukteuren Delamare-Deboutteville und Malandin. Nachdem
die ersten Versuche Erfolg versprechend verlaufen waren, schloss Cockerill
einen Vertrag mit Edouard Delamare-Deboutteville und ließ sich den Gichtgasmotor
unter der Markenbezeichnung Delamare-Deboutteville & Cockerill für
Belgien patentieren.12
Die Eisenhütte Differdingen als Wegbereiterin der Giehtgasmotoren im
Minetterevier
Frühes Interesse an der Gichtgasfrage
Am 12. März 1896 war die Société anonyme des Hauts Fourneaux de Differdange
zwecks Errichtung einer neuen Hochofenanlage im luxemburgischen Minetterevier
mit einem anfänglichen Kapital von 4.000.000 Franken gegründet worden.
Treibende Kraft des neuen Unternehmens war von Beginn an der zum
Administrateur-délégué ernannte Industrielle Paul Wurth (1863-1945), ein
junger technikbegeisterter Ingenieur, der zuvor bei der Maschinenfabrik Dingler
in Zweibrücken in seiner ersten Stellung gearbeitet und sich sodann als Betreiber
eines erfolgreichen Eisenkonstruktionsunternehmens in Luxemburg/Hollerich
selbständig gemacht hatte.1’
Zunächst wurden in Differdingen zwei Hochöfen errichtet. Erster Direktor des
neuen Werkes wurde der bis dahin bei der Société des Hauts Fourneaux Luxembourgeois
in Esch a.d. Alzette tätige Ingenieur Paul Gredt. Dieser hatte sich in
der Hochofenindustrie bereits einen Namen gemacht durch seine Unter-11
Die belgische Firma John Cockerill war das bedeutendste Eisenhüttenunternehmen des
Lütticher Industriebeckens. Dessen Maschinenbauabteilung genoss international einen guten
Ruf, u.a, durch die seit den 1860er Jahren hergestellten stehenden Dampfmaschinengebläse
mit doppelten Kurbelstangen, dem so genannten Serainggebläse.
12 Herman Hubert, De 1' utilisation directe des Gaz des Hauts-Foumeaux pour la production
de la force motrice. Extrait des Annales des Mines. T. 2. Paris-Bruxelles 1897 (vgl. auch
Stahl und Eisen 18 (1898), S. 361-365); ders., Le rôle de la Belgique dans le développement
des moteurs à gaz, in: Revue Universelle des Mines, Bulletin 1920, S. 321-328;
Robert Halleux, Cockerill. Deux siècles de technologie. Liège 2002, S. 123-124.
13 Es handelte sich hierbei um die nachmalige Kommanditgesellschaft Paul Wurth & Cie,
die sich im 20. Jahrhundert zu einem namhaften Unternehmen in den Bereichen Stahlkonstruktion
und Hochofenbau entwickelte.
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