Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Explosionsmotoren  zu  verwerten,  nachdem  der  eigentliche  Gasmotor  für  heizwertreiches
  Leuchtgas  und  Generatorgas  bereits  erfunden  war.

Die  Alternative  zur  Dampfmaschine:  Der  Gichtgasmotor
ln  der  Technikgeschichte  gilt  der  gebürtige  Luxemburger  Jean  Joseph  Etienne
Lenoir5  (1822-1900)  allgemein  als  derjenige  Erfinder,  dem  es  gelang,  das  Versuchsstadium
  der  Gasmotorentechnik  zu  überwinden.  Lenoirs  Gasmotor  war
betriebsfähig,  auch  wenn  er  wirtschaftlich  einem  Vergleich  mit  der  Dampfmaschine
  noch  nicht  standhielt.  Er  wurde  erstmals  in  der  Motorentechnik  auf  industrieller
  Basis  in  größeren  Stückzahlen  von  verschiedenen  Pariser  Fabrikanten  ab  den
1860er  Jahren  hergestellt,  und  stellte  eine  Alternative  zur  aufwendigen  Dampfmaschine
  dar,  die  allein  in  Großbetrieben  wirtschaftlich  eingesetzt  werden  konnte,
  vor  allem  für  den  diskontinuierlichen  Betrieb  in  Kleinunternehmen.  Das
Verdienst,  die  Gasmaschine  innerhalb  weniger  Jahre  zu  einem  wirklich  wirtschaftlichen
  Motor  gemacht  zu  haben,  kommt  Nikolaus  August  Ottos  Viertaktverfahren
  zu.  Kern  dieses  im  Jahr  1877  patentierten  Verfahrens  war  die  Verdichtung
  des  Gas-Luft-Gemisches  im  Zylinder.  Wesentliche  Verbesserungen  in  der
Konstruktion  von  Gasmaschinen  wurden  im  letzten  Jahrzehnt  des  19.  Jahrhunderts
  gemacht,  so  in  der  nunmehr  elektrischen  Zündung  des  Gemisches  aus
Gas  und  Luft,  und  in  der  Steuerung,  welche  nicht  mehr  durch  Schieber,  sondern
durch  Ventile  bewirkt  wurde.  Die  Gasmaschinen  wurden  von  vielen  Konstrukteuren
  sowohl  liegend  als  auch  stehend  gebaut.  Bis  zu  Beginn  der  1890er  Jahre
wurden  Gasmaschinen  nur  mit  Leuchtgas  betrieben,  dann  kam  der  erfolgreiche
Einsatz  der  Generatorgase  hinzu.6
Ende  der  1890er  Jahre  schien  der  Zeitpunkt  gekommen,  den  Schritt  von  den
kleineren  Versuchsmaschinen  zu  den  geplanten  größeren  Maschinen  im  dauernden
  Betrieb  zu  wagen.  Anlässlich  der  Hauptversammlung  des  Vereins  Deutscher
Eisenhüttenleute  (VDEh)  in  Düsseldorf  am  27.  Februar  1898  hob  der  bekannte
Hochofenexperte  Fritz  Lürmann  in  einem  ausführlichen  Referat  die  unbestreitbaren
  Vorteile  der  Verwendung  der  Hochofengase  zur  unmittelbaren  Krafterzeugung
  im  Hüttenbetrieb  hervor.7 8  Der  Fortfall  der  Dampfkesselanlagen  auf  den
Hüttenwerken,  der  eine  wesentliche  Verminderung  der  Anlagekosten  für  eine
Hochofenanlage  bedeutete,  sowie  zum  Mindesten  die  Verdoppelung*  der  mit
5  Kurioserweise  liegt  der  Geburtsort  des  Gasmotorenkonstrukteurs  Etienne  Lenoir,  Mussy-la-Ville,
  etwa  20km  Luftlinie  entfernt  vom  Hüttenstandort  Differdingen,  wo  im  Jahr  1900  die
erste  Gichtgas-Gebläsezentrale  in  Betrieb  genommen  wurde.
6  Generatorgas  wird  erzeugt  aus  Anthrazit,  Koks,  magerer  Kohle  und  Braunkohle.
7  Vgl.  Fritz  Liirmanns  Bericht  über  die  Verwendung  der  Hochofengase  zur  unmittelbaren
Krafterzeugung  anlässlich  der  Hauptversammlung  des  VDEh  in  Düsseldorf  am  27.  Februar
1898,  in:  Stahl  und  Eisen  18  (1898),  S.  247-272.
8  Vgl.  Ludwig  Beck,  Die  Geschichte  des  Eisens  in  technischer  und  kulturgeschichtlicher
Beziehung.  Bd.  V.  Braunschweig  1903,  S.  524.  Ludwig  Beck  weist  darauf  hin,  dass  die
Krafterzeugung  der  Gichtgase  in  Gasmaschinen  etwa  dreimal  so  groß  sei  wie  bei  der
            
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