Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Zum  betriebstechnischen  Problemfeld  der  Wärme-  und  Kraftwirtschaft  in  der
Eisen-  und  Stahlindustrie  des  späten  19.  Jahrhunderts
Seit  jeher  kannten  die  Eisenschmelzer  den  Nutzen  des  Windes  bei  der  Eisenschmelze.
  Der  Wind  facht  die  Glut  des  Schmelzfeuers  an  und  gibt  ihm  die
notwendige  Hitze  für  den  Reduktionsprozess,  die  Trennung  von  Eisen  und
Schlacke.  Wurden  die  ersten  Blasebälge  mit  menschlicher  Muskelkraft  betrieben,
so  machte  man  sich  später  die  Kraft  des  Wassers  für  den  Antrieb  von  Gebläsen
zu  Nutze.  Erst  die  Dampfmaschine  sollte  die  Hüttenleute  von  der  Wasserkraft
unabhängig  machen.  Anstelle  der  einfachen  hölzernen  Spitzbälge  wurden  seit
Ende  des  18.  Jahrhunderts  verstärkt  Zylindergebläse  benutzt,  um  die  für  einen
Hochofen  erforderliche  Windmenge  und  Windpressung  zu  liefern.  Die  beträchtliche
  Leistungssteigerung  und  Vergrößerung  der  Hochöfen  in  der  zweiten  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts  konnte  nur  durch  die  stete  Vervollkommnung  dieser  mit
Dampf  betriebenen  Zylindergebläse  erreicht  werden.2 3  Bei  zweckmäßiger  Einrichtung
  der  Gasentziehung  aus  der  Hochofengicht  konnte  ein  Teil  der  Gichtgase
  für  die  Erzeugung  der  Dampfkraft  sowie  für  die  Winderhitzung  beim  Hochofenbetrieb2'
  herangezogen  werden,  während  der  größte  Teil  weiterhin  ungenutzt
in  die  Atmosphäre  verpuffte.
Dampfmaschinen  wiesen  zwar  den  Vorteil  der  Leistungsstärke  auf,  waren  jedoch
sehr  kostenintensiv,  da  die  Beheizung  der  Wärmekessel  erhebliche  Mengen  an
Feuerungsmaterial  verschlang.  Nun  hatte  einerseits  der  gewaltige  Ausbau  der
Produktionskapazitäten  in  der  Eisen-  und  Stahlindustrie  die  fortschreitende
Kartellierung  der  Kohlenproduzenten  mitherbeigeführt  (siehe  die  Gründung  des
Rheinisch-Westfälischen  Kohlensyndikates  im  Jahr  1893)  und  somit  die  anhaltende
  Preissteigerung  für  Koks  und  Feuerungskohlen  in  den  1890er  Jahren
bewirkt.4  Andererseits  sahen  die  Hüttenleute  aus  ihren  Hochöfen  das  Gichtgas
entweichen,  wovon  nur  ein  kleiner  Teil  zur  Erzeugung  von  Dampf  und  zur
Beheizung  der  Winderhitzer  nutzbar  gemacht  wurde.  Es  ist  daher  begreiflich,
dass  in  interessierten  Kreisen  der  Gedanke  aufkam,  dieses  Gas  in  mechanische
Kraft  umzuwandeln.  Und  wie  dies  im  Bereich  der  Erfindungen  häufig  der  Fall
ist,  wurden  gleichzeitig  in  verschiedenen  Ländern  und  in  der  ersten  Phase
unabhängig  voneinander  Versuche  angestellt,  das  heizwertarme  Gichtgas  in

2  Ledebur  (Anm.  1),  S.  100-101.
3  Zum  Thema  Heißluftblasen  und  Gichtgasnutzung  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts
vgl.  Akos  Paulinyi,  Die  Erfindung  des  Heißluftblasens  in  Schottland  und  seine  Einführung  in
Mitteleuropa,  Ein  Beitrag  zum  Problem  des  Technologietransfers,  in:  Technikgeschichte  50
(1983),  S.  1-33  und  129-145;  ders.,  Heißluftblasen  und  Gichtgasnutzung  -  Zum  Spannungsverhältnis
  von  Praxis  und  Wissenschaft  in  der  1.  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts,  in:  Ferrum  68
(1996)  Mai,  S.  82-89.
4  Die  Bemühungen  des  Rheinisch-Westfälischen  Kohlensyndikates  (RWKS),  die  Koks-  und
Kohlenpreise  langfristig  anzuheben  und  zu  stabilisieren,  sind  bis  zum  Ersten  Weltkrieg
erfolgreich  gewesen.  Vgl.  Feldenkirchen  (Anm.  1),  S.  158.

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