Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

erweitert.145  Die  Patentrechte  an  dem  auf  seine  Initiative  entwickelten  Vanadingewinnungsverfahren
  verkaufte  Hermann  Röchling  in  der  zweiten  Hälfte  der
1930er  Jahre  an  Krupp  und  Hoesch.146  In  den  Jahren  1943/44  wurde  die  Vanadingewinnung
  von  den  vier  Saarhütten  (außer  der  Haiberger  Hütte)  betrieben.147
Wegen  des  hohen  Koksverbrauchs  ging  sie  zu  Lasten  der  Rohstahlerzeugung.
Zur  Gewinnung  einer  Tonne  Vanadin  musste  ein  Produktionsausfall  von  300t
Rohstahl  hingenommen  werden.  Die  Vanadin-Produktion  der  Saarhütten
ergänzte  Röchling  durch  die  von  ihm  angeordnete  Produktion  in  den  Hütten
Homécourt  und  Rehon  im  Département  Meurthe-et-Moselle.148

Strangguss
Unter  Strangguss  oder  Stranggießverfahren  versteht  man  das  kontinuierliche
Vergießen  des  flüssigen  Stahls.  Anstelle  des  früher  üblichen  Abgießens  aus
Konvertern  in  geschlossene  Kokillen  läuft  beim  Stranggießverfahren  der  Stahl
ununterbrochen  ab  in  Verteilerrinnen,  von  dort  in  Stranggusskokillen.  Sie
unterscheiden  sich  von  den  üblichen  Stahlwerkskokillen  dadurch,  dass  sie  aus
Kupfer  sind,  keine  Böden  haben  und  mit  Wasser  gekühlt  werden.  Ihre  Innenflächen
  geben  dem  Gießstrom  die  gewünschte  Form,  z.B.  Knüppel  oder  Bramme.
Mit  dem  Stranggießverfahren  wurde  weltweit  erstmals  der  Traum  des  Hüttenmannes,
  das  Produzieren  in  einer  Hitze,  verwirklicht.  Der  Strangguss  wurde  in
Dillingen  nicht  erfunden,  schon  Bessemer  hatten  ihn  1857  für  Eisenblech
vorgeschlagen  und  1958  erschien  bereits  ein  Handbuch  des  Stranggießens,  aber
die  Dillinger  Hütte  hat  in  der  großtechnischen  Anwendung  Pionierarbeit  geleistet.
  In  ihrem  OLP-Stahlwerk  lief  im  Juni  1961  die  bislang  größte  Stranggießanlage
  der  Welt  zum  Gießen  von  Brammen  (150  x  20cm)  an.  1964  ging  im
Dillinger  SM-Werk  die  erste  Kreisbogenanlage  der  Welt  mit  einem  Radius  von
8m  in  Betrieb.  Besondere  Aufmerksamkeit  fand  die  hydraulisch  betätigte  Abbiegrolle,
  die  den  zunächst  annähernd  senkrecht  laufenden  Strang  in  einem
Bogen  in  die  Horizontale  umlenkte.  Beide  Anlagen  waren  Versuchsanlagen,
obwohl  sie  produktionsmäßig  betrieben  wurden.  Die  dort  gemachten  Erfahrungen
  haben  maßgebend  auf  die  Entwicklung  späterer  Stranggussmaschinen
gewirkt.  Mit  der  Inbetriebnahme  des  neuen  Blasstahlwerks  wurden  sie  stillgelegt
und  zunächst  durch  eine  und  1975  durch  eine  zweite  Anlage  ersetzt.  Im  Laufe
weniger  Jahre  wurden  alle  Stahl  produzierenden  Betriebe  der  Dillinger  Hütte  mit

145  Wie  Anm.  40.
146  Seibold  (Anm.  7),  S.  150,  232.
147  Von  der  Außenstelle  Südwest  der  Reichsvereinigung  Eisen  erstellte  Statistiken,  S.  14,  27,
30,  51  (BAB  R  10  Nr.  70).
148  Über  Röchlings  Direktiven  für  die  Eisen-  und  Stahlwerke  in  dem  bei  Frankreich  belassenen
  Teil  Lothringens  vgl.  Herrmann,  Departement  Meurthe-et-Moselle  (Anm.  15),  zur
Vanadingewinnung  im  Besonderen,  S.  439.

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