Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

der  ihn  umgebenden  Spule  entsteht.  Wenn  Strom  durch  die  Induktionsspule
geleitet  wird,  entstehen  in  den  metallischen  Einsatzstoffen  Wirbelströme,  die  den
Einsatz  zum  Schmelzen  bringen.  Die  erzeugte  Wärme  hängt  ab  von  der  Stärke
des  Feldes  und  seiner  Änderungsgeschwindigkeit.
Im  Jahre  1900  erhielt  der  französische  Elektro-Metallurge  Paul  Heroult  ein  Patent
auf  einen  Elektrostahlofen,  bei  dem  zwei  senkrecht  über  der  Schmelzmasse
hängende  Elektroden  angebracht  waren.  Der  erzeugte  Lichtbogen  sprang  bei
genügend  grosser  Spannung  durch  die  Schlackendecke  in  das  Eisenbad  und
von  dort  zur  anderen  Elektrode.  Dieses  Verfahren  wurde  verbessert  von  dem
Franzosen  Paul  Girod111  und  dem  Schweden  Adolf  Kjellin.  Die  Vorzüge  des
Kjellin-Ofens  bestanden  in  der  starken  Durchwirbelung  des  Bades,  der  hohen
Überhitzung  des  Stahls  und  dem  Fortfall  der  teuren  Elektroden.  Nachdem  Hermann
  Röchling  im  Juni  1905  Lichtbogenöfen  in  Französisch-Savoyen  (Froges
und  Ugine)  und  in  Schweden  (Gysinge)  besichtigt  hatte,  beauftragte  er  am
1.  Juli  1905  die  Siemens-Schuckert-Werke  mit  der  Lieferung  eines  Vit-Kjellin-Ofens
  samt  zugehörigem  Generator  und  Ofentransformator.  Noch  bevor  das  Gerät
in  Betrieb  genommen  wurde,  erarbeitete  der  Völklinger  Ingenieur  Wilhelm
Rodenhauser  verschiedene  Verbesserungen  (Aufweitung  der  Schmelzrinne,
Vergrößerung  des  Fassungsvermögens,  andere  Stromart)  und  ließ  sich  den
"Röchling-Rodenhauser-Ofen"  im  Mai  1906  patentieren.  Nachdem  ein  noch
nicht  voll  befriedigendes  Exemplar  an  den  Eicher  Hüttenverein  geliefert  worden
war,  wurde  in  Völklingen  selbst  am  22.  Juni  1907  ein  Ofen  mit  einem  Fassungsvermögen
  von  3,5t  aufgestellt,  im  Februar  1908  dann  einer  mit  8t.  Drei
Jahre  später  waren  in  verschiedenen  Stahlwerken  bereits  15  Röchling-Rodenhauser-Öfen
  in  Betrieb  oder  im  Bau.  In  den  folgenden  Jahren  wurde
Drehstrom  eingesetzt  und  das  Fassungsvermögen  vergrößert.  Der  große  Bedarf
der  Rüstungsindustrie  veranlasste  die  Werksleitung  1915  und  1916  zwei
weitere  Öfen  aufzustellen  und  mit  dem  Bau  eines  dritten  Ofens  mit  einer  Kapazität
  von  12-15t  zu  beginnen.  Nach  dem  Waffenstillstand  wurde  der  Bau  in
Anbetracht  der  geänderten  Marktlage  eingestellt.  Während  der  Ofen  I  noch  mit
Einphasenstrom  betrieben  worden  war,  waren  die  1915/16  in  Betrieb  genommenen
  Öfen  Zweiphasenwechselstromöfen.  In  Lothringen  war  vor  dem  Ersten
Weltkrieg  die  Thyssenhütte  in  Hagedingen/Hagondange  der  größte  Elektrostahlproduzent,
  ausgerüstet  1913  mit  drei  Herault-Öfen  zu  12t  bzw.  20t.  Der
Bau  eines  größeren  dritten  Ofens  mit  einer  Kapazität  von  30-35t  war  vorgesehen,
  von  den  anderen  Hütten  besaß  damals  nur  Rombas  einen  Elektroofen.1'1
Seit  1909  liefen  auf  der  Völklinger  Hütte  Versuche  mit  dem  Umschmelzen  von
Ferromangan  und  Ferrosilizium,  1911/12  wurde  eine  vollständig  ausgerüstete
Ferromangan-Ofenanlage  mit  einem  reinen  Drehstromofen  gebaut.  Sie  wurde
131  Aus  seiner  Zusammenarbeit  mit  Cockerill  ergab  sich  1907  der  Beginn  der  Herstellung
von  Elektrostahl  im  Lütticher  Revier.  Pasleau  (Anm.  69),  S.  93.
132  Schlenker  (Anm.  27),  S.  207,210.

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