Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

die  Entscheidung  zur  Einführung  des  OBM-Verfahrens  1970,  in  den  beiden
folgenden  Jahren  wurde  je  ein  auf  Einblasen  von  Sauerstoff  und  Wasserdampf
umgerüsteter  Konverter  in  Betrieb  genommen.  Bis  Ende  1974  waren  alle  fünf
Konverter  umgerüstet  und  arbeiteten  mit  Vollentstaubung.119
Sauerstoffaufblasverfahren
Schon  1937  war  an  den  Universitäten  Aachen  und  Berlin  experimentiert  worden,
  dem  Schmelzbad  Sauerstoff  durch  eine  Lanze  aufzublasen,  also  nicht  wie
bei  dem  Thomasverfahren  Luft  vom  Konverterboden  oder  den  Konverterwänden
her  durch  das  Schmelzbad  zu  blasen.  Voraussetzung  für  eine  Anwendung  in
großem  Stil  war  auch  hier  die  preisgünstige  Beschaffbarkeit  technisch  reinen
Sauerstoffs  in  großen  Mengen.  In  der  Großtechnik  angewendet  wurde  das
Aufblasverfahren  zunächst  in  Österreich  und  in  Schweden.  Im  Jahr  1952  setzten
die  österreichischen  Stahlwerke  in  Linz  und  die  österreichische  Alpine  Montangesellschaft
  Donawitz  ein  Verfahren  (LD-Verfahren)  in  Betrieb,  bei  dem  der
Sauerstoff  durch  eine  wassergekühlte  Lanze  auf  das  in  einem  zylindrischen
Tiegel  befindliche  flüssige  Roheisen  aufgeblasen  wird.  Sehr  bald  wurde  es  im
Ruhrrevier,  zuerst  in  Bochum,  übernommen.  Da  seine  Anwendung  für  Roheisen
aus  phosphorarmen  Erzen,  z.B.  Hämatit,  angelegt  war,  eignete  es  sich  nicht  für
das  aus  der  phoshorhaltigen  Minette  erschmolzene  Roheisen.120  Daher  orientierten
  sich  die  saarländischen  und  lothringischen  Hütten  zunächst  an  dem  schwedischen
  Kalling-Domnavert-Verfahren  (Kaldo).  Dabei  wurde  reiner  Sauerstoff
durch  eine  wassergekühlte  Lanze  in  eine  schräg  liegende  Drehtrommel  geblasen
und  durch  die  Drehbewegung  die  Bindung  des  Phosphors  mit  dem  zugegebenen
  Kalk  beschleunigt.  Die  beiden  neu  erbauten  lothringischen  Stahlwerke  in
Seremange  (SOLLAC)  und  in  Gandrange/Gandringen  arbeiteten  nach  diesem
Verfahren,  in  Letzterem  die  beiden  größten  Kaldo-Konverter  der  Welt.121  Die
Röchling'schen  Eisen-  und  Stahlwerke  planten  1964  den  Bau  eines  Kaldo-Stahlwerkes.122
  Die  Störanfälligkeit  und  die  Kostenintensität  des  Verfahrens
gaben  den  Anstoß,  andere  Wege  zur  Anwendung  eines  Sauerstoffaufblasverfahrens
  für  phosphorhaltiges  Roheisen  zu  suchen.  Die  Lösung  fand  sich  in  der
Kooperation  der  luxemburgischen  ARBED  mit  dem  Centre  National  de  Recherches
  Metallurgiques  in  Lüttich  in  dem  LDAC-Verfahren,  auch  OLP-Verfahren
(Oxygene-Lance-Poudre)  genannt,  bei  dem  gleichzeitig  mit  reinem  Sauerstoff
Kalkstaub  auf  die  Oberfläche  des  flüssigen  Eisens  geblasen  wurde,  wodurch
eine  den  Phosphor  vor  der  vollständigen  Kohlenstoffverbrennung  abbindende

119  40  Prozent  der  Stahlproduktion  im  Werk  Völklingen  ohne  Staub,  in:  Der  Hüttenmann
27  (1973)  1-3,  S.  6-7,  hier  S.  6.
120  ARBED  (Anm.  3),  S.  1  I5f.
121  Norbert  Weiter,  Die  mageren  Jahre  nach  den  beiden  Weltkriegen,  in:  Saarbrücker
Zeitung,  3.1.1979;  Moine,  Histoire  technique  (Anm.  67),  S.  243.
122  F.  Springorum,  Investitionen  in  Völklingen,  in:  Der  Völklinger  Hüttenmann  18  (1964)  12,
S.  220-221,  hierS.  221.

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