Full text : Forschungsaufgabe Industriekultur

Sauers  toff  blas  verfahren
Den  Gedanken,  die  in  die  Stahlkonverter  einzublasende  Luft  mit  Sauerstoff
anzureichern,  hatten  schon  Thomas  und  Gilchrist.  Erste  praktische  Versuche  in
dieser  Richtung  wurden  um  1930  in  der  oberpfälzischen  Maxhütte  unternommen.
  Die  Umsetzung  in  den  hüttentechnischen  Großbetrieb  wurde  erst  möglich,
nachdem  technisch  reiner  Sauerstoff  in  großen  Mengen  preisgünstig  hergestellt
werden  konnte.  Die  Ergebnisse  der  Maxhütte  wurden  1947  in  Lothringen
(zuerst  von  Senelle)"5  und  in  Luxemburg  von  dem  ARBED-Stahlwerk  Esch-Schifflange115
 116 118  aufgenommen  und  angewendet.  Durch  Zusatz  von  27-30%  Sauerstoff
  konnten  der  Gehalt  an  Stickstoff  (von  0,01  auf  0,005-0,007%),  Phosphor
und  Schwefel  gesenkt  und  die  Einblaszeit  verringert  werden.  In  Longwy  und  in
Neuves-maisons  wurde  ein  eigenes  Verfahren,  das  LWS-Verfahren  (Laire-Wendel-Sidelor),
  erarbeitet,  das  speziell  für  Stahlerzeugung  auf  Minette-Basis
abgestellt  war.
Anfangs  wurde  die  durch  die  Konverterböden  einzublasende  Luft  mit  Sauerstoff
angereichert,  dann  auch  mit  einem  Gemisch  von  Sauerstoff  und  Wasserdampf
oder  Kohlendioxyd,  schließlich  Luft  mit  hochprozentigem  Sauerstoffgehalt  oder
reiner  Sauerstoff.  Dadurch  wurden  sowohl  der  auf  die  Stahlqualität  negativ
wirkende  in  der  eingeblasenen  Luft  enthaltene  Stickstoff  als  auch  die  Abgasmengen
  reduziert.  Das  OBM-Verfahren  hatte  den  Vorteil,  dass  die  Thomaskonverter
nicht  ersetzt  werden  mussten,  sondern  auf  das  Einblasen  von  Sauerstoff  umgerüstet
  werden  konnten.
In  Neunkirchen  wurden  schon  1957  bestimmte  Stahlsorten  mit  erhöhtem  Sauerstoffanteil
  im  Gebläsewind  erzeugt,"  dann  mit  einem  Dampf-Sauerstoff-Gemisch.
Die  1969  installierte  Anlage  arbeitete  nach  dem  vom  Unternehmen  entwickelten
DSN-Verfahren  (=  Dampf-Sauerstoff-Neunkirchen),  aber  nur  im  Konverter  VI
wurden  die  Chargen  auf  diese  Weise  erblasen.  Daher  blieb  der  Oxygenstahlanteil
  an  der  Neunkircher  Rohstahlerzeugung  gering  (1973  nur  5,3%).  Gegen
Ende  des  Jahres  1975  entschied  die  Unternehmensleitung,  das  Thomas-  und  das
Siemens-Martin-Werk  durch  ein  OBM-Stahlwerk  zu  ersetzen.  Von  den  vorhandenen
  fünf  Thomaskonvertern  wurden  drei  auf  OBM-Verfahren  umgerüstet.  Am
8.  August  1976  wurde  der  erste  OBM-Konverter  in  Betrieb  genommen,  der
zweite  im  Frühjahr  1977,  der  dritte  am  10.  Mai  1977,  jeder  mit  einer  Tagesleistung
  von  65t.  Die  drei  Konverter  konnten  die  gesamte  Stahlproduktion  übernehmen.
  Das  neue  Stahlwerk  wurde  voll  entstaubt  durch  eine  viel  Raum  beanspruchende
  Abgasreinigungsanlage  neben  den  Konvertern.  Es  wurde  1982
an  demselben  Tag  wie  die  Hochöfen  stillgelegt.*18  In  der  Völklinger  Hütte  fiel

115  Ebd.,  S.  237.
116  ARBED  (Anm.  3),  S.  114f.
117  400  Jahre  Neunkirchen  (Anm.  5),  S,  26.
118  Frühauf(  Anm.  5),  S.  155f.

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