Roheisen wurde bis zu 75% Schrott zugesetzt, um unerwünschte Begleitstoffe
wie Kohlenstoff, Silizium, Phosphor durch die Einwirkung der oxidierenden
Flammengase auszutreiben. Luft wurde dabei nicht wie beim Thomasverfahren
durch die Schmelze hindurch geblasen, sondern in erwärmten Regeneratoren
erhitzt und von oben auf die in der Wanne befindliche Schmelze geleitet. Der
Ablauf des chemischen Prozesses konnte genauer beobachtet werden als beim
Thomasverfahren, daher ließen sich Stahlqualitäten erzielen, die für die Weiterverarbeitung
zu Edelstählen besser geeignet waren als der Thomasstahl.
Wilhelm Siemens hatte einen solchen Öfen Alfred Krupp angeboten, der ihn als
ersten SM-Ofen Deutschlands am 31. Oktober 1869 in Betrieb genommen hatte,
die Borsig-Werke in Berlin-Moabit waren 1871 gefolgt,100 die Société Anonyme
de Sclessin im Lütticher Revier 1875, gefolgt von Cockerill.101 Größere Verbreitung
fand das Verfahren erst, nachdem, angeregt durch das Thomasverfahren,
die Herde mit basischen Magnesitböden (Dolomit) ausgekleidet wurden. Von
den Saarhütten installierte Dillingen 1881 den ersten SM-Ofen mit einem Fassungsvermögen
von 15t, 1910 standen dort schon sieben Öfen, 1913 sogar elf,
von denen aber nur sieben in Betrieb waren,102 An zweiter Stelle folgte 1888
Neunkirchen, sein zunächst einziger Siemens-Martin-Ofen war nur zeitweise in
Betrieb,103 an dritter Stelle die Burbacher Hütte (1894: ein Öfen von 20t),104 an
vierter Stelle das Blechwalzwerk Hostenbach. Sein Gründer Philipp Weber hatte
1898 in Witten ein Stahlwerk auf Abbruch gekauft und zur Wiederinbetriebnahme
an anderem Ort verwendbare Maschinen und Anlagen in Hostenbach aufbzw.
eingebaut, darunter zwei SM-Öfen mit der Kapazität von 15t. 1900 wurde
ein dritter Ofen angeschafft und durch die Verkürzung der Ofenzüge und des
Herdes die gesamte SM-Anlage auf eine Kapazität von 25t je Füllung und Ofen
gebracht. 1924 wurde die Stahlproduktion in Hostenbach stillgelegt, das
Rohmaterial nun von Burbach bezogen.105 Im Departement Meurthe-et-Moselle
hatte das Stahlwerk Pompey 1887 den Anfang mit dieser neuen Technik gemacht.106
Bemerkenswert ist, dass in der Völklinger Hütte die Produktion von
SM-Stahl erst 1915, in Neunkirchen nach den Anläufen in den 1880er Jahren
erst 1919 wieder aufgenommen wurde. In Völklingen war schon bei dem Bau
des Thomasstahlwerks der Bau eines SM-Stahlwerks erwogen, dann jedoch
zurückgestellt und erst 1914 wieder aufgegriffen worden. 1915 wurden zwei
Öfen von 12/15t und 9/1 lt, 1916 ein dritter Ofen mit 15/16t Einsatz in Betrieb
100 Volker Sehmidtchen, Innovationen in der Eisenverhüttung, in: Wandlungen (Anm. 2),
S. 31 ff.
101 Pasleau (Anm. 69).
102 Van Ham (Anm. 4), S. 192.
103 Frühauf (Anm. 5), S. 112.
104 ARBED (Anm. 3), S. 119. 1900 zwei weitere SM-Öfen, deren Kapazität 1929 auf 30t und
1961 auf 35t erhöht wurde.
105 Kaufmann (Anm. 10), S. 14, 35.
106 Moine, Histoire technique (Anm. 67), S. 230.
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