älteren Bessemerverfahren dadurch unterschied, dass der Konverter nicht mit
kieselsäurereichen Steinen sondern mit kalkreichem Dolomit ausgekleidet wurde.
Ihre erste Patentschrift hatten sie im November 1877 fertiggestellt. Noch bevor
sie 1880 ihre Erfindung auf dem Kongress in Düsseldorf vorstellen konnten,
hatten Interessenten Lizenzen erworben. Schon im November 1879 hatten sie de
Wendel und Schneider-Creusot ihr Patent zur Anwendung in den Stahlwerken
des Departements Meurthe-et-Moselle überlassen.67 Auf die Bedeutung dieser
Erfindung für die Saarhütten hatte die Saarbrücker Handelskammer 1878 in
ihrem Jahresbericht hingewiesen. Die Rechte zur Anwendung in Deutschland
und Luxemburg waren durch Vertrag vom 26. April 1879 von den "Rheinischen
Stahlwerken" und dem "Hörder Verein" gemeinsam erworben worden
mit der Möglichkeit, sie an andere deutsche Stahlproduzenten weiterzugeben,
davon machten 1880 Carl Ferdinand Stumm für das Neunkircher Eisenwerk
Gebrauch, ebenso der Aachener Hütten Aktien-Verein Rothe Erde68 69 und die
lothringischen Hüttenbarone de Wendel für ihre Werke im damaligen Reichsland
Elsass-Lothringen. Zwischen Erwerb der Patentrechte und Produktion der
ersten Charge Thomasstahl verging nur kurze Zeit. Im Herbst 1879 wurden mit
nur einem Monat Unterschied von den beiden ersten deutschen Patentnehmern
und den belgischen Stahlwerken Angleurs66 die ersten Chargen Thomasstahl auf
dem Kontinent erblasen. Schon ein Jahr später (1881) nahm Stumm in Neunkirchen
die Produktion in zwei Konvertern mit je 10t Kapazität auf, am
9. Dezember 1882 folgten die de Wendeis mit ihrem neuen Werk in Joeuf und
konnten damit den Ruhm einbringen, die ersten Thomasstahlproduzenten
Frankreichs zu sein, am 19. Februar 1883 lief die Produktion des Thomasstahlwerks
der Société des Aciéries de Longwy an.70 Stumm lag also bei der Einführung
dieser Innovation im Mittelfeld. Das Anblasen der ersten "Thomasbirnen",
so wurden die Konverter wegen ihrer Form in der hüttenmännischen
Umgangsprache genannt, stellt aus der Retrospektive gesehen einen Meilenstein
in der Geschichte der saarländischen Hüttentechnik dar.71 Die Zeitgenossen
67 Claude Blaud, Schneider, de Wendel et les brevets Thomas. Le tournant technique et la
sidérurgie française, in: Cahiers d'Histoire (1975), S. 363-378; Jean-Marie Moine, Ingénieurs
des mines et industrie métallurgique: Alfred Braconnier et l'adoption du procédé Thomas
par la sidérurgie lorraine, in: Annales de l'Est 37 (1985) 1, S. 83-118; ders., Histoire
technique d'une innovation. La sidérurgie lorraine et le procédé Thomas: 1880-1960, in:
Wandlungen (Anm. 2 ), S. 219-246.
68 Monique Kieffer, La sidérurgie au Grand-Duché de Luxembourg: 1840-1960, in: Wandlungen
(Anm. 2), S. 154.
69 Suzy Pasleau, La sidérurgie dans le bassin liègois (1817-1951). De l'entreprise intégrée à
la concentration industrielle, in: Wandlungen (Anm. 2), S. 92.
70 M. Grison, Les origines et l'évolution de la sidérurgie dans le bassin de Longwy, in: Le
Fer à travers les Ages. Hommes et techniques. Actes du Colloque international Nancy
3-6 octobre 1955. Nancy 1956 (= Annales de l'Est Mémoire; 16), S. 446-451.
71 Zur Bedeutung des Verfahrens fur die Saarhütten vgl. Thomes (Anm. 2), S. 301, seine
Aussage, dass "an der Saar das Thomasverfahren erstmals auf dem Kontinent praktiziert"
(S. 307) worden sei, ist zu korrigieren. Märzen (Anm. 2), S. 37 unterscheidet nicht zwischen
dem Erwerb der Lizenz und dem Beginn der Produktion von Thomasstahl.
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