Full text: Grenzkultur - Mischkultur?

,Eyn Ordenung desz Gerichtes1 identisch ist.148 Es handelt sich vielmehr um 
„das erste gedruckte Kanzleihandbuch in deutscher Sprache“ mit Brieflehre, 
rhetorischer Phraseologie, Phrasensammlungen für Teile der Briefe und einer 
„reichen Kompilation von Musterbriefen und -urkunden“. Wie dem auch sei, 
der Besitz eines deutschen Formularbuches erklärt sich zweifellos aus 
praktischen Zwecken, aus der Bedeutung, die deutschem Gerichtswesen auch in 
Metz in bestimmten Belangen zukommen konnte.149 
Wichtiger aber ist jener livre de la destruction de troye en allemant couvert 
d’une pel blanche et clouez de petits cloz jaunes (15). Ein ,Buch von der 
Zerstörung Trojas in Deutsch4, Eine exakte Identifizierung läßt sich nicht 
durchführen. Doch ist es sicher eine der zahlreichen, vornehmlich im fünf¬ 
zehnten Jahrhundert entstandenen deutschen Prosaübersetzungen der 1207 
vollendeten ,Historia destructionis Trojae4 des sizilianischen Juristen Guido de 
Columnis aus Messina,150 Bei dem ausgeprägten Interesse des Michiel 
Chaversson an historischer Literatur und solcher, welche die Größe der alten 
Helden und Ritter, an deren Existenz man glaubte, präsentierte, ein Interesse, 
das zu einer nahezu systematischen Sammlung von historiae führte, darf man 
voraussetzen, daß ihm die deutsche destruction de troye ein wichtiger Baustein 
war. Leicht hätte er ihn durch ein gleichthematisches Werk französischer Zunge 
ersetzen können. Er tat es wohl nicht, weil er es in zweisprachigem Milieu nicht 
brauchte. 
So bleibt als Fazit, daß wir überall dort in den aristokratischen Literatur¬ 
sammlungen des Metzer Milieus, wo wir noch der Überlieferung habhaft 
werden können, auch ein quantitativ schwaches deutsches Element finden. Wir 
148 Vgl. o. Anm. 32. 
149 Vgl. o. Anm. 9. Es handelt sich um das in den Straßburger Editionen von 1483 
.Formulare und Tütsch rethorica1 genannte deutsche Kanzleihandbuch aus dem 
schwäbischen Raum, das in zahlreichen Frühdrucken in verschiedenen Redaktionen 
präsent war: z. B. Ulm 1479; Augsburg 1483; Straßburg zweimal 1483 bei Heinrich 
Knoblochtzer und Johann Pruß; Speyer 1482; Köln 1492. Vgl. Worstbrock, F. J., in: Die 
deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 2 (1980), Sp. 794f.; Gesamt¬ 
katalog der Wiegendrucke, Bd. IX, Stuttgart/Berlin 1991, S. 32ff. Nr. 10177ff. 
150 Vgi Bruni, F., in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 4 (1989), Sp. 1775. Zu den französischen 
Fassungen, die Chaversson leicht erreichbar gewesen wären, vgl. Woledge, B.: „La 
légende de Troie et les débuts de la prose française“, in: Mélanges de linguistique et de 
littérature romanes offerts à Mario Roques, Bd. 2, Paris 1953, S. 313-324; Jung, Marc 
René: La légende de Troie en France au moyen âge. Analyse des versions françaises et 
bibliographie raisonnée des manuscrits, Basel/Tübingen 1996; vgl. ferner o. Anm. 111. 
Es besaß z.B. auch Charlotte von Savoyen, die Gattin Ludwigs XI. von Frankreich, bei 
ihrem Tod (1483) in ihrer Bibliothek, die ohnehin manche Überschneidungen mit dem 
Bücherbestand Chaverssons aufweist, auch einen livre de la vraye histoire de Troye. Vgl. 
Tuetey, M.: „Inventaire des biens de Charlotte de Savoie“, in: Bibliothèque de l’École des 
Chartes 26 (1865), S. 338-366. 
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